https://www.faz.net/-gqz-9f0ni

TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Ein Staat auf der Suche nach Feinden

  • -Aktualisiert am

In welcher Funktion Yeneroglu intervenierte, blieb unklar. Als deutscher Staatsbürger und früherer Kölner? Als Vertreter von Ditib in Deutschland? Als führendes Mitglied der AKP und Bevollmächtigter Erdogans? Besser konnte Yeneroglu nicht dokumentieren, was dieser türkische Moscheeverband in Wirklichkeit ist: ein Instrument der türkischen Außenpolitik. Daran konnte Yeneroglus vorgebliche Zerknirschung über die besagten seltsamen Umstände dieser Eröffnungsfeier auch nichts mehr ändern. Fritz Schramma konnte sie tatsächlich nur als „Unverschämtheit“ und eine „Form der Undankbarkeit“ betrachten, die er „von Türken gar nicht erwartet hätte“.

Nun ist Dankbarkeit keine politische Kategorie, die man überbewerten sollte. Die Moschee-Eröffnung war nichts anderes als ein türkischer Staatsakt auf deutschem Boden. Eine bewusst geplante Machtdemonstration gegenüber den Deutsch-Türken in unserer Gesellschaft. Dazu gehörte die bewusste Desavouierung jener Akteure wie Schramma, die das Symbol einer multikulturellen Gesellschaft erst gegen massive Widerstände durchsetzen mussten. Und als Yeneroglu seine Hochachtung für Schramma ausdrückte, war eine interessante Akzentveränderung zu beobachten. Plötzlich sprach er diesen Respekt nicht mehr im Namen der Deutsch-Türken aus, sondern dankte ihm für die Integrationsbemühungen zugunsten „aller Muslime“ in Köln.

Politische Reden im Gotteshaus

Wäre das so, hätte Yeneroglu darauf drängen müssen, auf den Staatsakt mit Erdogan zu verzichten. „Ein Gotteshaus ist nicht dazu da, um politische Reden zu führen,“ so formulierte das die ehemalige Fußballerin Tugba Tekkal. Nur geht es bei diesem Moscheebau nicht um Religion, sondern um eine politische Ideologie mit religiöser Fassade. Man sollte allerdings nicht mit Steinen im Glashaus werfen: Den christlichen Kirchen ist das politische Engagement heutzutage auch wichtiger als die religiöse Offenbarung. So kann selbst im altehrwürdigen „Wort zum Sonntag“ ein Präsident des Verfassungsschutzes zum Thema einer leidenschaftlichen politischen Rede werden.

Cem Özdemir machte deutlich, worum es eigentlich geht. An den innenpolitischen Verhältnissen in der Türkei könnten wir nichts ändern, so der frühere Parteivorsitzende der Grünen. Erdogans Instrumentalisierung der Deutsch-Türken könnten wir jedoch sehr wohl entgegentreten. Özdemir plädierte dafür, den Kampf um das politische Bewusstsein der Deutsch-Türken aufzunehmen. Das gelingt umso besser, wenn man nicht selbst den verführerischen Mechanismen autoritärer Herrschaft verfällt. Die Suche nach Feinden wäre der erste Schritt in jenen Abgrund, in dem die Türkei schon gelandet ist. Das konnte der studierte Jurist Mustafa Yeneroglu nicht schönreden. Er dokumentierte vielmehr das Elend der türkischen Politik. Es sollte uns als Warnung dienen.

Weitere Themen

2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

Topmeldungen

Auge in Auge mit den „Gelbwesten“: eine französische Polizistin im April 2019 in Paris

Sorge in Frankreich : Das zerrüttete Verhältnis von Polizei und Presse

Polizisten und Journalisten stehen sich in Frankreich fremd gegenüber, die Pressefreiheit ist in Gefahr. Deshalb suchte die Regierung den Rat einer unabhängigen Kommission. Unsere Korrespondentin war Teil davon.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.