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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Dokumentieren statt Quatschen

Auch im Studio von „Hart aber fair“ wird der nötige Sicherheitsabstand zwischen den Diskussionsteilnehmern eingehalten. Bild: © WDR/Dirk Borm

Zur besten Sendezeit findet Frank Plasberg mit „Hart aber fair“ ein Konzept, um über die Auswirkungen der Corona-Krise diskutieren zu können. Dabei hilft die Entscheidung, der Talkshow eine längere Reportage voranzustellen.

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          Welche Menschen haben Bundessozialminister Hubertus Heil in den vergangenen Krisenwochen positiv überrascht? Das war die letzte Frage, die Moderator Frank Plasberg in der Sendung „Hart aber fair“ am Montagabend an das Mitglied der Bundesregierung richtete. Heil, der mit dem erleichterten Zugang zum Kurzarbeitergeld eine der Schlüsselreformen der Corona-Krise umgesetzt hat, fiel als erstes die Kassiererin im Supermarkt gegenüber seinem Ministerium ein. Als er sich bei ihr für ihre Arbeit bedankt habe, habe sie mit Berliner Schnauze geantwortet: „Das mache ich jeden Tag.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das war ein schönes Schlusswort in dieser Sendung, in der es viel um Vertrauen und Solidarität in Zeiten der wirtschaftlichen Krise ging. Die anderen vier Gäste – eine Unternehmerin, eine Beraterin, eine Infektiologin und eine Wirtschaftspsychologin – nannten andere Beispiele, die zusammengenommen spiegeln, was derzeit unter dem Stichwort Solidarität zu erleben ist: der Zusammenhalt unter Selbständigen, die sich gegenseitig unterstützen, der Zuspruch aus der Familie und von Stammkunden, die künftige Buchungen in Aussicht stellen, ein junger Mann, der ohne Vorkenntnisse eine Atemmaske entwickelt, und Mitarbeiter einer Klinik, die sich täglich neu einem Virus aussetzen und weiter pragmatisch anpacken.

          Plasbergs Diskussion ging eine halbstündige Reportage voraus, die zeigte, wie falsch die Entscheidung der Öffentlich-Rechtlichen ist, solche Sendeformate in normalen Zeiten nie zur besten Sendezeit (20.15 Uhr) zu zeigen. Der lange Beitrag hatte einen Dutzend Schauplätze vom Kreißsaal einer Klinik über die leere Fabrikhalle eines Autozulieferers in Bayern bis zum Gelände eines Spargelbauern, auf dem gerade die Schlaf-Container für Erntehelfer angeliefert werden, die durch das Einreiseverbot für diese nun nicht mehr gebraucht werden. Eine Abiturientin erzählte mit Tränen in den Augen, wie das Datum immer unkenntlicher wird, auf das sie sich seit der fünften Klasse gefreut hat. Zum Beweis filmt die Kamera das unbenutzte blaue Kleid für den Abiball ab. Und ein Musiker erzählt, warum er einen Coronavirus-Song geschrieben und aufgenommen hat.

          Talkformate werden zu Nachrichtenlieferanten

          Am meisten berührte das Schicksal einer unheilbar an Krebs erkrankten Frau in einem Hospiz, die in den letzten Tagen ihres Lebens ihre Familie nicht mehr treffen darf. Auf diese Weise kann das Fernsehen den Menschen eine Krise in all ihren Facetten anhand nachvollziehbarer Schicksale nahebringen. Wenn man sich Dinge für die Zeit nach der Krise wünschen darf, gehört dazu, dass die Programmmacher journalistische Formate dieser Art nicht wieder von den Sendeplätzen in der Primetime auf die Nebenplätze verdrängen.

          Auch an der von Plasberg moderierten Diskussion gab es diesmal wenig auszusetzen, wenn es nicht der grundsätzliche Vorbehalt ist, dass in seinem straffen Korsett aus Einspielern und Zuschauerfragen nur wenig Zeit bleibt, aufeinander einzugehen. Talkformate in diesen Zeiten, in denen die Exekutive praktisch täglich neue Schritte gehen muss, haben in jedem Fall den Vorzug, dass sie auch zu Nachrichtenlieferanten werden, wenn Vertreter der Bundesregierung wie Schlüsselminister Hubertus Heil (SPD) anwesend sind. Er erklärte die bisherigen Maßnahmen, mit denen die Wirtschaft in der Zeit der Kontaktsperre gestützt werden soll. Und er stellte klar, dass die Regierung damit noch nicht am Ende ihrer Arbeit ist. Seine Linie dabei: pragmatische Lösungen mit Kooperation der Kommunen. Zum Thema Erntehelfer in der Landwirtschaft etwa sagte er: „Container sind zur Infektionsvermeidung nicht das Beste. Aber derzeit stehen so viele Hotels leer – da muss man rangehen.“ Überdies müsse das inländische Arbeitskräftepotential genutzt werden, was auch entsprechend honoriert werden müsse.

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