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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Der Sozialstaat und das gesunde Leben

  • -Aktualisiert am

Bei Plasberg: Hubertus Heil von der SPD, Taxifahrerin Tanja Stolze, der Autor Eckart von Hirschhausen, Grundschullehrerin Doris Unzeitig und Thomas Kemmerich von der FDP Bild: WDR/Oliver Ziebe

Wenn soziale Integration am Frühstücksbrot scheitert: Welche Folgen es hat, dass die Deutschen den Sozialstaat aus der Perspektive des Individuums betrachten, hat der gestrige Abend mit Eckart von Hirschhausen gezeigt.

          5 Min.

          Warum manche Themen plötzlich Aufmerksamkeit finden, ist ein Rätsel. So ist der Zusammenhang zwischen sozialen Status und Lebenserwartung schon lange bekannt, ohne allerdings außer in Fachkreisen ernsthaft diskutiert zu werden. Das hat sich geändert. Die ARD sendete im Rahmen ihrer Themenwoche Bildung eine Reportage von Eckart von Hirschhausen. Anschließend diskutierte Frank Plasberg über „Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?“ Eine gute Frage, die aber zuerst hätte klären müssen, was mit diesem Zusammenhang eigentlich gemeint ist.

          Das war schon das Problem der Reportage von Hirschhausen. Letztlich definierte er den sozialen Status aus den beiden Kategorien Geld und Bildung, um anschließend daraus Rückschlüsse auf die Lebensführung zu ziehen. Menschen mit niedrigem sozialen Status ernähren sich ungesünder, rauchen und trinken öfter Alkohol, treiben weniger Sport. Bildung ist somit gleichbedeutend mit einer gesunden Lebensführung, weil ungesund leben nur die unteren Schichten. Zwar beklagte Hirschhausen in der Debatte anschließend das bei uns „verkümmerte“ Bewusstsein, „Gesundheit als ein öffentliches Gut“ anzusehen. Aber was dieses Gut überhaupt ist, konnte er nicht definieren, jenseits seiner Tipps zum gesunden Leben. Hirschhausen wirkte wie einer jener Moralapostel, die schon im 19. Jahrhundert den liederlichen Lebenswandel der unteren Klassen für ihr Schicksal verantwortlich machten. Ohne den Dämon Alkohol, und mit mehr Gottesfurcht, sollten diese ihr Leben meistern, so der damalige Ratschlag.

          Tatsächlich gab es aber einen klassischen Zusammenhang zwischen sozialen Status und Lebenserwartung: Bildung ermöglichte den Zugang zu Berufen mit geringeren Gesundheitsrisiken. Der Angestellte musste halt nicht mit der Staublunge des Bergarbeiters rechnen. Und Geld bedeutete den Zugang zu Gesundheitsleistungen, die den Armen verschlossen blieben. Das änderte erst die Etablierung des Sozialstaates, der sowohl den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, wie den Zugang zum Gesundheitssystem unabhängig vom sozialen Status sicherstellte. Die Aufgabe des Sozialstaats war nicht, den Menschen ihren Lebensstil vorzuschreiben. Das änderte sich erst ab den Achtzigerjahren, als der Begriff der Individualisierung zunehmend die Debatte bestimmte.

          Gewisse Hilflosigkeit

          Die Folgen waren gestern Abend zu beobachten. So nannte der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Kemmerich Bildung „die beste Medizin.“ Die mit einem Buch über ihre Erfahrungen in Berliner Brennpunktschulen bekannt gewordene Doris Unzeitig berichtete über ihre Erfahrungen in jenen Milieus, die sich durch die Abwesenheit von Erziehung der eigenen Kinder auszeichneten. Dort scheitert die soziale Integration bekanntlich schon am Frühstücksbrot. Zugleich schilderte die Schulgesundheitspflegerin Hannah Steiger in einem Interview ihre Erfahrungen, wie sie mit gezielter Ansprache diesen Integrationsdefiziten etwas entgegenzusetzen versucht.

          In einer Gesellschaft, wo elementare Kulturtechniken, wie das Kochen und das gemeinsame Einnehmen von Mahlzeiten nicht mehr selbstverständlich sind, dokumentieren solche Ansätze allerdings eher eine gewisse Hilflosigkeit. Gerade in der Familienhilfe kennt man das eigentliche Problem: Es betrifft die Strukturlosigkeit in den Tagesabläufen jener Familien, wo der Rhythmus der Arbeitsgesellschaft aus Berufstätigkeit, Familienarbeit und Freizeit längst keine Rolle mehr spielt.

          Ruin des deutschen Bildungssystems

          So ging es um Bildung, aber anders als sie in früheren Zeiten definiert wurde. Dort galt sie noch als Persönlichkeitsbildung zur selbstbestimmten Lebensführung. Seit den 1990er Jahren definiert man sie aber als Aufstiegsmöglichkeit in einer Wettbewerbsgesellschaft. Entsprechend war die Debatte bei Plasberg vom Begriff der Chancengerechtigkeit geprägt. Ausgangspunkt war ein Zitat des OECD-Bildungsforschers Andreas Schleicher, der die fehlende Durchlässigkeit und die unzureichende Akademisierung des deutschen Bildungssystems beklagt. Schleicher spricht sogar vom Widerstand der bürgerlichen Akademiker gegen Reformen. Das hört sich zwar progressiv an, ist aber das glatte Gegenteil davon. Es hatte nämlich niemand einen größeren Einfluss als Schleicher, um den Ruin des deutschen Bildungssystems zu bewerkstelligen.

          Der OECD-Experte vertritt einen Bildungsbegriff, der die zunehmende Ungleichheit durch vermeintlich faire Wettbewerbsbedingungen kompensieren will. Wem der Aufstieg durch Bildung nicht gelingt, muss deshalb die Konsequenzen tragen: Niedrige Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und prekäre Lebensbedingungen. In dieser Logik ist Bildung die einzige Chance, der Misere zu entkommen. Es ist der klassische Ansatz der Neoliberalen, die den Wohlfahrtsstaat auf seine Funktion der Sicherung des Existenzminimums reduzieren wollen.

          Welche Folgen das hat, beschrieb die gelernte Köchin und heutige Taxifahrerin Tanja Stolze. Früher sei ein „Hauptschulabschluss normal “ und es damit „möglich gewesen, einen Beruf zu erlernen, den man heute damit gar nicht mehr bekommt.“ Frau Stolze drückte damit eine Sichtweise aus, die Bildung nicht mehr nur als Voraussetzung für sozialen Aufstieg definiert. Wer die entsprechenden Bildungsabschlüsse vorzuweisen hat, hat sie sich verdient.

          Nur erlangt er damit in dieser Perspektive heutzutage einen sozialen Status, der ihn von den weniger glücklichen Zeitgenossen unterscheidet. Das widerspricht aber jenem Grundsatz des Sozialstaates, der die gesellschaftliche Teilhabe gerade nicht von solchen Voraussetzungen abhängig macht. So ging es etwa den Sozialdemokraten nie darum, alle Menschen zu Akademikern zu machen, sondern deren ungerechtfertigten Privilegien zu beenden.

          Niemand sollte wegen seiner sozialen Lage vom gleichberechtigten Zugang zu Bildungsinstitutionen oder zu sozialen Sicherungssystemen ausgeschlossen werden, aber das bedeutete keineswegs aus jedem Arbeiter einen Akademiker zu machen. Außer natürlich in jener Logik, die etwa aus der Akademisierung des Erzieherberufes umstandslos auf die bessere Erziehung der Schüler in Berliner Brennpunktschulen schließt. Dafür gibt es zwar keine empirischen Belegen, aber die Abwertung der beruflichen Bildung fördert dafür die Karrierechancen der Mittelschicht mit einem privilegierten Zugang zu höheren Schulabschlüssen.

          Störgefühl eines Ministers

          Das bemerkte wohl auch Hubertus Heil (SPD). Er sprach von „einem Störgefühl“, das diese Diskussion bei ihm ausgelöst habe. Dabei war es für den Bundesarbeitsminister ein bemerkenswert guter Tag: Wann sonst hatte die Union schon in gleicher Weise bedingungslos kapituliert, wie am vergangenen Sonntag bei der Grundrente? Das Störgefühl betraf die Frage der sozialen Mobilität, die immer noch unter dem Stichwort Chancengerechtigkeit diskutiert wird. Dabei ist immer nur von Aufstiegsperspektiven die Rede. Allerdings bedeuten gleiche Chancen zugleich die Möglichkeit zum sozialen Abstieg, was seltsamerweise selten diskutiert wird.

          Was das konkret bedeutet, machte Heil an einem interessanten Beispiel deutlich. Er berichtete von einer Rede vor einer Industrie- und Handelskammer, wo alle Anwesenden seine Forderung nach einer Aufwertung gewerblicher Berufsausbildung lebhaft unterstützt hätten. Die Kinder der Anwesenden studierten in ihrer überwältigenden Mehrheit, womit diese akklamatorische Unterstützung nichts anderes als die fehlende Chancengleichheit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung deutlch machte. Heil vermutete gesellschaftliche Diskurse hinter dieser Entwicklung. Tatsächlich wurden aber die Kosten der Anpassung an Wettbewerbszwänge in erster Linie den Gruppen aufgebürdet, die über das geringste soziale Kapital verfügten. So reduzierten etwa prekäre Beschäftigungsverhältnisse die Ansprüche an den Sozialstaat, und machten damit die Verfügbarkeit über Geld und Bildung wieder zu einem Privileg. Der Sozialstaat reduzierte so seine Funktion, soziale Benachteiligung auszugleichen. Vielmehr ging es ihm in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich darum, soziale Unterschiede über Bildungsabschlüsse zu legitimieren.

          Immerhin gab es aber gegen Ende der Sendung noch eine tröstliche Erkenntnis des Kabarettisten Eckart von Hirschhausen: Jugendliche würden weniger rauchen, weil „sie das Handy aus der Hand legen müssten, um sich eine Kippe anzuzünden.“ Dem Sozialstaat werden solche Erkenntnisse zwar nicht helfen, aber dafür war das ein bemerkenswert guter Witz. Mit der Wirklichkeit hat er natürlich nichts zu tun.

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