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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Der Sozialstaat und das gesunde Leben

  • -Aktualisiert am

Der OECD-Experte vertritt einen Bildungsbegriff, der die zunehmende Ungleichheit durch vermeintlich faire Wettbewerbsbedingungen kompensieren will. Wem der Aufstieg durch Bildung nicht gelingt, muss deshalb die Konsequenzen tragen: Niedrige Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und prekäre Lebensbedingungen. In dieser Logik ist Bildung die einzige Chance, der Misere zu entkommen. Es ist der klassische Ansatz der Neoliberalen, die den Wohlfahrtsstaat auf seine Funktion der Sicherung des Existenzminimums reduzieren wollen.

Welche Folgen das hat, beschrieb die gelernte Köchin und heutige Taxifahrerin Tanja Stolze. Früher sei ein „Hauptschulabschluss normal “ und es damit „möglich gewesen, einen Beruf zu erlernen, den man heute damit gar nicht mehr bekommt.“ Frau Stolze drückte damit eine Sichtweise aus, die Bildung nicht mehr nur als Voraussetzung für sozialen Aufstieg definiert. Wer die entsprechenden Bildungsabschlüsse vorzuweisen hat, hat sie sich verdient.

Nur erlangt er damit in dieser Perspektive heutzutage einen sozialen Status, der ihn von den weniger glücklichen Zeitgenossen unterscheidet. Das widerspricht aber jenem Grundsatz des Sozialstaates, der die gesellschaftliche Teilhabe gerade nicht von solchen Voraussetzungen abhängig macht. So ging es etwa den Sozialdemokraten nie darum, alle Menschen zu Akademikern zu machen, sondern deren ungerechtfertigten Privilegien zu beenden.

Niemand sollte wegen seiner sozialen Lage vom gleichberechtigten Zugang zu Bildungsinstitutionen oder zu sozialen Sicherungssystemen ausgeschlossen werden, aber das bedeutete keineswegs aus jedem Arbeiter einen Akademiker zu machen. Außer natürlich in jener Logik, die etwa aus der Akademisierung des Erzieherberufes umstandslos auf die bessere Erziehung der Schüler in Berliner Brennpunktschulen schließt. Dafür gibt es zwar keine empirischen Belegen, aber die Abwertung der beruflichen Bildung fördert dafür die Karrierechancen der Mittelschicht mit einem privilegierten Zugang zu höheren Schulabschlüssen.

Störgefühl eines Ministers

Das bemerkte wohl auch Hubertus Heil (SPD). Er sprach von „einem Störgefühl“, das diese Diskussion bei ihm ausgelöst habe. Dabei war es für den Bundesarbeitsminister ein bemerkenswert guter Tag: Wann sonst hatte die Union schon in gleicher Weise bedingungslos kapituliert, wie am vergangenen Sonntag bei der Grundrente? Das Störgefühl betraf die Frage der sozialen Mobilität, die immer noch unter dem Stichwort Chancengerechtigkeit diskutiert wird. Dabei ist immer nur von Aufstiegsperspektiven die Rede. Allerdings bedeuten gleiche Chancen zugleich die Möglichkeit zum sozialen Abstieg, was seltsamerweise selten diskutiert wird.

Was das konkret bedeutet, machte Heil an einem interessanten Beispiel deutlich. Er berichtete von einer Rede vor einer Industrie- und Handelskammer, wo alle Anwesenden seine Forderung nach einer Aufwertung gewerblicher Berufsausbildung lebhaft unterstützt hätten. Die Kinder der Anwesenden studierten in ihrer überwältigenden Mehrheit, womit diese akklamatorische Unterstützung nichts anderes als die fehlende Chancengleichheit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung deutlch machte. Heil vermutete gesellschaftliche Diskurse hinter dieser Entwicklung. Tatsächlich wurden aber die Kosten der Anpassung an Wettbewerbszwänge in erster Linie den Gruppen aufgebürdet, die über das geringste soziale Kapital verfügten. So reduzierten etwa prekäre Beschäftigungsverhältnisse die Ansprüche an den Sozialstaat, und machten damit die Verfügbarkeit über Geld und Bildung wieder zu einem Privileg. Der Sozialstaat reduzierte so seine Funktion, soziale Benachteiligung auszugleichen. Vielmehr ging es ihm in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich darum, soziale Unterschiede über Bildungsabschlüsse zu legitimieren.

Immerhin gab es aber gegen Ende der Sendung noch eine tröstliche Erkenntnis des Kabarettisten Eckart von Hirschhausen: Jugendliche würden weniger rauchen, weil „sie das Handy aus der Hand legen müssten, um sich eine Kippe anzuzünden.“ Dem Sozialstaat werden solche Erkenntnisse zwar nicht helfen, aber dafür war das ein bemerkenswert guter Witz. Mit der Wirklichkeit hat er natürlich nichts zu tun.

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