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TV-Kritik: Hart aber fair : Das Schweigen der Männer

  • -Aktualisiert am

Zwischen Alltagssexismus und übergriffigen Handlungen: Über die Moral unserer Gesellschaft diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen. Bild: ARD

Ist der Fall von Dieter Wedel exemplarisch für den Sexismus unserer heutigen Gesellschaft? Darüber diskutierten die Gäste von Frank Plasberg. Vor allem an einem Punkt schieden sich dabei die Geister.

          Am Sonntagmorgen um Neun war die Welt des Jahres 1997 nicht mehr in Ordnung. Der Vater einer Schulfreundin ruft bei einem jungen Mädchen an, um eine bemerkenswerte Mitteilung zu machen. Er stände gerade unter der Dusche und onanierte. Dieses Beispiel schilderte gestern Abend Frank Plasberg in einem Einspieler über Formen sexueller Belästigung. Jeder Zuschauer konnte sich die Mischung aus Überraschung und Beschämung vorstellen, die dieser Anruf damals bei dem jungen Mädchen auslösen musste. Einschüchterung und Demütigung sind die Ziele solcher übergriffigen Handlungen.

          Nur hätte dieser Fall durchaus eine andere Wendung nehmen können. Etwa wenn die Mutter des Mädchens die Ehefrau des unter der Dusche masturbierenden Vaters ebenfalls kontaktiert hätte. Sie hätte nur eine Frage stellen müssen: „Macht Ihr Mann das öfter?“ Die Kommunikation wäre schlagartig vom Kopf auf die Füße gestellt worden. Aus dem übergriffigen Vater wäre eine peinliche Witzfigur geworden. Man musste auch schon vor zwanzig Jahren einen mittleren Dachschaden haben, um solche Anrufe bei den Freundinnen der eigenen Tochter zu tätigen.

          Alltäglicher Sexismus

          Ein begabter Regisseur wie Dieter Wedel hätte aus einer solchen Szene etwas zu machen gewusst. Die Filmgeschichte lebt schließlich von den Brüchen menschlicher Kommunikation. Das ist der Stoff für Komödien, manchmal auch Tragödien. Dazu wird Wedel aber wohl kaum noch die Gelegenheit bekommen. Die Gründe sind bekannt, und kamen unter dem Titel „Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Wedel?“ zur Sprache. Die Schilderung des oben genannten Falles löste bei den Gästen Entsetzen aus. Es war ein gutes Beispiel für den alltäglichen Sexismus. Allerdings kam damit auch niemand mehr auf die Idee, solche Verhaltensweisen anders  zu interpretieren. Einschüchterung und Demütigung funktionieren nämlich nicht mehr, wenn man sich die Absurdität solcher Situationen vorstellt.

          Weil aber diese Sexismus-Debatte nur noch in den Kategorien von Machtasymmetrien geführt wird, muss buchstäblich alles als Beleg für die gesellschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen interpretiert werden. So werden am Ende selbst die peinlichsten Männer kurioserweise zu machtvollen Vertretern des Patriarchats geadelt. Nur ist halt nicht jede Kommunikation zwischen Männern und Frauen automatisch von den überkommenen patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft geprägt. Beide Geschlechter können sich durchaus gleichberechtigt nicht verstehen.

          An diesem Punkt schieden sich die Geister. So beharrte die Kriminologin Monika Frommel auf diese Möglichkeit zur weiblichen Autonomie. Sie können sich heute wehren, was nicht zuletzt dem gesellschaftlichen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte zu verdanken ist. Im Gegensatz dazu verwies Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) auf das immer noch bestehende Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Auf Frau Frommel wirkte diese Argumentation als eine Art Dementi der Gleichstellungspolitik der vergangenen Jahrzehnte.

          Sie empfand sie fast schon als Eingeständnis der Ministerin über deren Wirkungslosigkeit. Frau Barley verfolgte damit allerdings ein anderes Interesse. Daraus ergibt sich vor allem ein Handlungsauftrag für weitergehende politische Maßnahmen. So drehte sich die Debatte am Ende nur noch um eine  Frage: Ist der Fall von Dieter Wedel vor allem von historischen Interesse, die die Rolle eines der bedeutensten Fernsehregisseure der Nachkriegszeit betrifft? Oder ist Wedel immer noch exemplarisch für die Missstände unserer heutigen Gesellschaft?

          „Digitale Pranger“

          Frau Frommel formulierte darauf zuerst einmal eine rechtspolitische Antwort. Für sie ist der Umgang mit Dieter Wedel ein Rückfall in die „Praxis des antiken Scherbengerichts.“ Ein digitaler Pranger ersetzte mittlerweile wieder rechtsstaatliche Verfahren, so Frau Frommel. Medien werden faktisch zur Anklagebehörde und zum Richter in Personalunion. Nur ist der Wochenzeitung „Die Zeit“ dieser Vorwurf gerade nicht zu machen. An journalistischer Sorgfalt hat es bei der Recherche im Fall Wedel nicht gefehlt, wie Christoph Amend als Chefredakteur des „Zeit-Magazin“ deutlich machte. Zudem war es recht seltsam, wie Frau Frommel die medienrechtlichen Veränderungen der vergangenen Jahre ignorierte.

          Gerade die sogenannten „Caroline-Urteile“ hatten die Persönlichkeitsrechte von Prominenten gegenüber falscher oder irreführende Berichterstattung in den Medien gestärkt. Und Wedel war auch keineswegs das Opfer anonymer Beschuldigungen im Netz, die etablierte Medien wie die „Zeit“ ungeprüft weiterverbreiteten. Der „Digitale Panger“ hat zwar Selbstverstärkungseffekte ausgelöst, ist aber in diesem Fall gerade nicht zum Auslöser der Debatte geworden. Zudem ist selbst eine sogenannte Verdachtsberichterstattung schon längst kein Freibrief für Medien mehr, um mit haltlosen Spekulationen Auflage zu machen. Die Gerichte haben dieser früheren Praxis durchaus wirksame Grenzen gezogen. Die kann auch ein Dieter Wedel nutzen, wenn er es für sinnvoll halten sollte.

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          Dieser Fall hatte nicht zuletzt deshalb diese Wendung genommen, weil im Archiv des Saarländischen Rundfunks Aktenbestände gefunden wurden, die den sexuellen Missbrauch von unabhängiger Quelle bestätigten. Es fanden sich nicht nur Zeugenaussagen der betroffenen Schauspielerinnen und des beschuldigten Regisseurs, sondern auch medizinische Gutachten über die Folgen der Wedel vorgeworfenen Sachverhalte. So bemühte sich Thomas Kleist als der heutige Intendant des Senders um jene Klarstellung, die vor allem seinen Sender aus der Schusslinie bringen sollte. Kleist wollte sich nicht „mit einem System gemein machen, wo das möglich gewesen ist.“ Nämlich die Vergewaltigung der Hauptdarstellerin durch den Regisseur in erster Linie als Störung des betrieblichen Ablaufs einer Fernsehproduktion zu bewerten.

          Zudem wollte Kleist aber auch nicht den Eindruck erwecken, es lediglich mit einem Versagen der damaligen Intendanz des Senders zu tun zu haben. Obwohl natürlich ein vergleichbarer Umgang mit einem solchen Fall unter heutigen Bedingungen kaum denkbar ist. So demonstrierte Kleist sein Problembewusstsein, als er auf das Training mit den Führungskräften in seinem Haus zum „Feedback-Problem“ hinwies. Wahrscheinlich hatte aber die TV-Moderatorin Lisa Ortgies die bessere Lösung für männlich dominierte Führungskulturen. Mit genügend Frauen in Führungsfunktionen ändert sich tatsächlich das Betriebsklima. Auf die Idee, Vergewaltigungen als Störung betrieblicher Abläufe zu definieren, werden Frauen nicht so schnell kommen.

          Das Leiden der Männer an sich selbst

          So gibt es vor allem zwei Möglichkeiten, um Frauen vor dem Machtrmissbrauch in männlich geprägten Strukturen zu schützen. Zum einen sind das jene institutionelle Absicherungen, die Frau Frommel erwähnte. Diese bewährten sich auch schon in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Zum anderen Frauen in Führungsfunktionen, worauf nicht nur Frau Ortgies hinwies. Unter dieser Voraussetzung wäre es dann auch nicht mehr unbedingt relevant, ob Männer ihr Kommunikationsverhalten gegenüber Frauen verändern. Diese litten manchmal selber unter ihrem Rollenverständnis, so die Journalistin Emilia Smechowski. Zudem wurde gestern Abend die weitgehende Abwesenheit der Männer in dieser Debatte um das zeitgenössische Geschlechterverhältnis beklagt. Dafür gibt es gute Gründe.

          Männer haben halt immer noch den Verdacht, dass Frauen ihre Partnerwahl keineswegs nur an deren Verständnis für die Nöte der Frau in der modernen Gesellschaft bemessen. Physische Attraktivität und sozialer Status helfen durchaus bei der Partnerwahl, so deren nicht unbegründete Vermutung. Ein Mann, der außer seine Sensibilität wenig zu bieten hat, gilt bei vielen Frauen wohl nur in der Theorie als gute Partie. Insofern ist das Kommunikationsverhalten von Frauen keineswegs frei von Widersprüchen. Das ist zwar keine Legitimation für die eingangs geschilderte männliche Borniertheit. Aber es wäre zweifellos von Vorteil, wenn man nicht für jeden Dachschaden eines Mannes gleich das Patriarchat verantwortlich macht. Der Feminismus ist nämlich auch nicht die Begründung für jede Unzulänglichkeit von Frauen.

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