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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Heucheln statt fasten

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Frank Plasberg diskutierte in seiner Sendung „Hart aber fair“ am 15. April 2019 unter anderem mit Starköchin Sarah Wiener über Gütesiegel in der Tierhaltung. Bild: WDR/Oliver Ziebe

Notre Dame steht in Flammen und die ARD macht Dienst nach Vorschrift. Kurz vor Ende der Fastenzeit geht es bei Frank Plasberg nicht um die Pariser Kathedrale sondern um Fleisch und schlechtes Gewissen.

          Wie muss man sich die Entscheidungsabläufe bei der ARD und dem produzierenden Sender in Köln vorstellen, wenn die Aktualität dem Programm dazwischen grätscht? Ist man in der Domstadt und im größten Sender der ARD nicht in der Lage, auf kurzen Zuruf amtierende Dombaumeister und ihre Vorgänger, darunter auch eine Vorgängerin und mit der Pariser Kathedrale vertraute Kunsthistoriker an den Appellhofplatz zu holen? Hat man aus dem Einsturz des Stadtarchivs nicht gelernt, wie medial angemessen auf ein Unglück mit europäischer Tragweite zu reagieren ist?

          Man hätte zur Vorbereitung vier Stunden Zeit gehabt. Doch WDR und ARD haben sich am Montagabend für Dienst nach Vorschrift entschieden. Weitermachen! So geht es nicht um ein historisches Verhängnis, sondern um die Frage, wie glaubhaft man über das Wohl von Tieren und das mehr oder weniger ausgeprägte schlechte Gewissen von Menschen reden kann, die Tiere essen.

          Mit anderen Worten: Es geht um die Frage, wer am besten heucheln kann. Die letzte Woche der Fastenzeit ist kein Thema. In der säkularisierten westlichen Gesellschaft scheinen solche Traditionen fast gänzlich verdampft zu sein. Nicht einmal als Erinnerung ist sie Gastgeber Plasberg – er trägt ein schweinchenrosa Hemd – die Frage wert, wer von seinen Gästen die Fastenzeit befolgt und vierzig Tage lang keinen Alkohol, kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier verzehrt hat.

          Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

          Stattdessen wird eine Initiative des Einzelhandels hochgejazzt, die mit einem Siegel weiszumachen versucht, wie ein Tier vor dem Schlachten gelebt hat, dessen Fleisch anschließend im Supermarkt verkauft wird. Das System ließe sich auch als moderner Ablasshandel beschreiben. Fleisch mit Siegel Stufe 1: Die Tierhaltung entsprach den gesetzlichen Vorschriften. Stufe 2: Stallhaltung plus gibt den Tieren zehn Prozent mehr Platz und „Beschäftigungsmaterial“. Stufe 3 verspricht dem Tier noch ein bisschen mehr Platz und Kontakt zu frischer Luft. Stufe 4 gewährt Auslauf im Freien. Wer sich damit zufrieden gibt, dass geltende Gesetze eingehalten wurden, darf die billigsten Würstchen der Stufe 1 auf den teuren Grill werfen. Die Glaubensformel des modernen Ablasshandels lautet: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

          Dem Schnitzel sieht man die Qualen nicht an, die das Schwein erlitten hat, dem es aus dem Leib geschnitten wurde. Journalist Manfred Karremann macht glaubhaft, dass in vielen Schlachtereien auch Tiere verarbeitet werden, die das Keulen überlebt haben, die also bei lebendigem Leib verbrüht und zerteilt werden. Zeit ist Geld. Die Mast eines Kalbes bringt 50 Euro: Wer damit Gewinn erzielen will, knappst bei allem. Tierwohl gilt in der Berechnung des Deckungsbeitrags als Sentimentalität verpeilter Weltverbesserer.

          So ein robust gestricktes Weltbild vertreten Albert Stegemann, Milchbauer und agrarpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, sowie Sarah Dhem, Produzentin von Wurstwaren und Mitglied im Bundesvorstand der Fleischwarenindustrie. Erst einmal aber bekommt ein eindrucksvolles männliches Muskelpaket das Wort. Patrik Baboumian kann 560 Kilo hochheben, isst jedoch kein Fleisch, sondern ernährt sich von Hülsenfrüchten, Nüssen und Getreide – „kaloriendichte Lebensmittel“. Das müssen Mengen sein. Frau Dhem und Herr Stegemann schauen ihn an wie ein Alien. Sie würden ihn bestimmt gerne neben einen Mastochsen als Testimonial ihrer Industrie stellen. Geht aber nicht.

          Die Entscheidung fällt vor dem Preisschild

          Die Filmgeschichte kennt zahlreiche Beispiele von Aufnahmen aus Schlachthöfen. Einspieler mit abstoßenden Bildern leben von einem zynischen Kalkül. Bringen sie einen Menschen davon ab, Fleisch zu essen, ja oder nein? Wenn es nicht der Fall ist, akzeptiert ein Fleischesser auch die furchtbaren Bedingungen, unter denen das billigste Fleisch produziert wird? Die zynische Antwort darauf lautet, die Entscheidung falle an der Fleischtheke, und zwar am Preisschild. Wer es sich leisten kann, Biofleisch zu kaufen, ist deshalb kein moralisch besserer Mensch. Über die Folgen schlechter Ernährung geben Sozialmediziner Auskunft, keine Moraltheologen.

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