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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Heucheln statt fasten

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Eine ganz andere Frage ist es, ob der Geschmack des Fleischs Auskunft darüber gibt, unter welchen Bedingungen es erzeugt worden ist. Sarah Wiener, Gastronomin und Biolandwirtin, glaubt, dies unterscheiden zu können. Wie aber sieht es aus bei marinierten oder gepökelten Fleischstücken? Welchen Anteil hat die Zubereitung, welchen das fachkundige Wissen einer erfahrenen Köchin? Doch in der Runde fehlte nicht nur sozialmedizinische Kompetenz, sondern auch das subtile Wissen eines Gastro-Kritikers wie Jürgen Dollase. Frau Wiener gibt lediglich Anhaltspunkte: Schrumpft das Fleisch in der Pfanne zusammen, enthält es zu viel Wasser - und wie schimmert das Fett?

Die Siegel-Initiative des Einzelhandels bewertet sie skeptisch. Das Siegel gebe keine Auskunft über die Qualität der Ställe, es bleibe unberücksichtigt, ob Tiere ohne Betäubung kastriert oder ihnen Schwänze abgeschnitten werden. Stegemann will das Label nicht zerreden lassen, ignoriert Wieners Vorbehalte. Er sprecht von einem „bisschen mehr Tierwohl“, was die Frage aufwirft, wie viel Leiden er für zumutbar hält. Die Frage bleibt ungestellt.

Kampf um ein paar Zentimeter mehr

Journalist Karremann erinnert an die Schwerkraft der Verhältnisse. Die Bodenhaltung wurde erst Standard in der Geflügelindustrie, als die Käfighaltung gesetzlich beendet wurde. Label hätten noch nie funktioniert. Kraftsportler Baboumian regt an, qualitativ schlechte Tierhaltung stärker zu besteuern. Werden dann die Landwirte die Produktion ins Ausland verlagern, wie Stegemann andeutet? Sind sie etwa gar nicht so schollenverbunden, wie ihre Verbände gerne behaupten? Bauern sind doch keine vaterlandslosen Gesellen!

Die Diskussion zentimetert sich an die Realität heran. Zwanzig Zentimeter mehr Bewegungsfreiheit für ein Schwein, das wahrhaftig mehr wiegt als Sarah Wiener, das sei doch kein Tierschutz. Lobbyistin Dhem antwortet mit salvatorischer Binse, Tierschutz habe viele Facetten. Dann aber durchzuckt es sie und sie schießt einen Satz hinterher, der ihr bei der nächsten Vorstandssitzung ihres Verbandes einen kleinen Beifallssturm einbringen wird: Alle vergäßen, dass Wurst aus Fleisch sei. Wie kommt sie auf eine so abwegige Idee?

Betrüblich ist auch das gebremste Tempo, mit dem sich Landwirtschaftsministerin Klöckner im verminten Gelände der organisierten Agrarinteressen bewegt. Sie tritt – zugegeben in hoher Frequenz – auf der Stelle. 2020 soll es ein „Tierwohl-Siegel“ geben, aber erst einmal nur für Schweinefleisch. Frau Dhem bleibt dabei, robust den Status Quo zu verteidigen. Das böse produzierte Fleisch sei billiger, das gut produzierte könnten sich viele nicht leisten.

Jetzt folgt eine kleine Runde agrarwirtschaftlichen Kauderwelschs, das dem interessierten Publikum Kompetenz vorgaukeln soll. Kostenführerschaft, Produktionsführerschaft und dann wieder so ein Lobbyisten-Triumph-Satz: Am längsten überlebe, wer am günstigsten produziere. In dieser Gunst bleibt so vieles unberechnet, dass man den Satz getrost blühenden Unsinn nennen kann. Das gilt auch für die Behauptung, dass die Macht beim Verbraucher liege. Der kauft, was ihm angepriesen wird. Eine Untersuchung der Hochschule Osnabrück dokumentiert, dass nur 16 Prozent der Kunden dazu bereit sind, mehr Geld für besser produziertes Fleisch auszugeben. An der Kasse erzählen sie etwas anderes. Auch dieser Widerspruch wird nicht aufgeklärt.

Ein weiterer Einspieler befasst sich mit Exporten lebender Tiere in den Nahen Osten. Ob sie da tatsächlich zur Zucht gebraucht werden oder ihnen nach quälendsten Transporten in der Halal-Metzgerei die Kehle durchgeschnitten wird, bleibt im Dunkeln. Stegemann rezitiert geltendes EU-Recht – als sei es nicht geübte Praxis, es zu umgehen. Aber wer will das in der letzten Fastenwoche noch so genau wissen? Die Temperaturen steigen, die Grills werden wieder angeworfen, die billigen Würste und Nackensteaks warten in den Auslagen. Aber die Zahl der sich fleischlos ernährenden Menschen nimmt zu: Elf Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind Vegetarier. Die Zeiten ändern sich.

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