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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Selbst der Wetterbericht ist sicherer

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Merkel nahm die CDU in Geiselhaft

In dieser Konstellation zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer geht es nicht in erster Linie um die Zukunft der Partei, sondern um die Abrechnung mit den vergangenen achtzehn Jahren. Die Kanzlerin, so formulierte das der FDP-Vorsitzende mit schonungsloser Deutlichkeit, hat „ihre Partei in Geiselhaft zur Rechtfertigung ihrer Flüchtlingspolitik genommen.“ Dieser Politikstil prägte allerdings ihre gesamte Amtszeit als Regierungschefin. Die Partei musste nachvollziehen, was Frau Dunz bei Plasberg „eine Revolution“ oder andere schon lange vorher die „Sozialdemokratisierung der CDU“ nannten. Hinter Angela Merkel verschwand ihre Partei als selbständig denkende politische Organisation.

Entsprechend gab es in in den vergangenen Jahren kaum einen Parteitag, der die Delegierten nicht zu rasanten Kurswechseln nötigte. Insofern wird man am kommenden Freitag erleben, wie groß der Rückhalt der Kanzlerin in Wirklichkeit jemals gewesen ist. Dieser Führungsstil habe sich erschöpft, fasste Spreng nüchtern zusammen. Selbst Frau Kramp-Karrenbauer scheint den Rückhalt übrigens als nicht allzu groß einzuschätzen. Ihre Absetzbewegungen von der bisherigen Parteivorsitzenden sprechen Bände. Ansonsten müsste sie auch den Vorwurf der „Mini-Merkel“ kaum fürchten. Eine Westentasche-Ausgabe von Ludwig Erhard ist nicht automatisch überzeugender, um das einmal in den Kategorien politischer Polemik zu formulieren.

„Generalsekretär de luxe“

Trotzdem ist der Ausgang dieses Parteitags kaum zu prognostizieren. Das hat nicht zuletzt mit seiner Dramaturgie zu tun, worauf Spreng hinwies. So braucht der künftige Parteivorsitzende die absolute Mehrheit der Stimmen, notfalls in einem zweiten Wahlgang. Nicht jeder Wähler von Jens Spahn sei dann automatisch dem Lager von Merz zuzurechnen, so Spreng.

Relevanter ist aber wohl die Rede der Kanzlerin, die sich mit ihrem Rechenschaftsbericht vom Amt der Parteivorsitzenden verabschieden wird. Eine solche Rede könnte als Appell an die „Herzen der Delegierten“ verstanden werden, um ein Argument von Frau Dunz aufzunehmen. Den Bruch mit der bisherigen Politik doch zu vermeiden, nicht zuletzt um einer Fortsetzung des Machtkampfes aus dem Weg zu gehen. Lindner sprach von einem „Generalsekretär de luxe“, wenn ein neuer Parteivorsitzender im Einvernehmen mit der Kanzlerin diese Legislaturperiode beenden sollte. Frau Kramp-Karrenbauer könnte damit im Gegensatz zu Merz leben, so die gestern Abend geäußerte Vermutung. Den Wechsel gerade nicht als Dementi der bisherigen Politik geraten zu lassen, war wohl auch das eigentliche Ziel der Übung. Dafür gab es seit dem Jahr 2002 ein plausibles Drehbuch. Stephan Lamby erinnerte in seinem Film daran, wie die spätere Kanzlerin ihren Rivalen Merz aus dem Amt des Bundestagsfraktionsvorsitzenden verdrängt hatte. Sie schuf eine Dynamik, der Merz nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

In dieser Dokumentation fehlte allerdings mit Wolfgang Schäuble ein maßgeblicher Akteur. Er ist der Politiker mit der größten politischen Autorität in der CDU. Für ein Interview stand er nicht zur Verfügung. Gegen sein Votum wird wohl niemand mehr Parteivorsitzender. Ob sich Schäuble aber im Gegenzug zugunsten eines Kandidaten aussprechen wird, ist keineswegs sicher. Das steht einstweilen noch in den Sternen.

Die Meteorologen erwarten für Hamburg am Freitag ergiebigen Regen bei milden Temperaturen. Immerhin etwas, worauf man sich in diesen unsicheren Zeiten verlassen kann.

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