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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Selbst der Wetterbericht ist sicherer

  • -Aktualisiert am

Obere Mittelschicht oder Einkommensmillionär

Ein anderes Problem hat Friedrich Merz. In einem Interview mit der „Bild-Zeitung“ bezeichnete er sich als obere Mittelschicht, und das als Einkommensmillionär. Plasberg nannte die Einlassungen von Merz eine „Stotterorgie“, die jegliche Klarheit vermissen lasse. Dabei machte er zugleich deutlich, wie absurd diese Selbsteinschätzung ist. Schließlich gehöre man schon ab einem zu versteuernden Einkommen von 215.000 Euro zu den ein Prozent Spitzenverdienern in Deutschland. Um nicht ohne Süffisanz anzumerken, dass Plasberg selbst zu dieser kleinen Schicht von Spitzenverdienern zu zählen sei. Es war nicht ohne Komik, wie der Merz-Unterstützer von Stetten darauf nichts mehr zu erwidern wusste. Der mittelstandspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sah sich sogar außer Stande, diesen Auftritt von Merz mit Schulnoten von eins bis sechs zu bewerten.

Dabei war Plasberg Eintreten für mehr Klarheit selbst wiederum scheinheilig. Wenn sich Merz als Angehöriger der Oberschicht definiert hätte, wären seine Kritiker mit der selben Leidenschaft über ihn hergefallen. Man hätte das als Arroganz ausgelegt, um ihm anschließend umso lustvoller das Etikett eines Lobbyisten des Großkapitals anzuhängen.

„Klarheit und Neuanfang“

So sagen solche Debatten wenig über den Kandidaten Friedrich Merz aus, sondern mehr über das Selbstverständnis der Deutschen. Hierzulande ist die Ideologie der „nivellierten Mittelschichtsgesellschaft“ des Kölner Soziologen Helmut Schelsky aus dem Jahr 1953 immer noch stilbildend. Damit lassen sich einerseits soziale Unterschiede immer noch unter den berühmten Teppich kehren, um andererseits bei jeder sich passenden Gelegenheit den Reichtum einer moralisierenden Kritik zu unterziehen.

Vor wenigen Wochen traf es übrigens noch die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli wegen einer Schweizer Armbanduhr aus dem Luxus-Sortiment. Das Interessante an dieser Debatte sind somit nicht die Stimmungen, sondern mit welchen Ressentiments in diesem Land immer noch Stimmung gemacht werden kann. Dafür ist dieser CDU-interne Wahlkampf zweifellos lehrreich.

Es stellt sich aber die Frage, ob sich die tausend Delegierten auf dem Parteitag davon überhaupt beeinflussen lassen. Es wäre ein historischer Treppenwitz, wenn die Kandidatur von Merz ausgerechnet an seinem hohen Einkommen scheitern sollte. Das war bisher nicht einmal in der Linkspartei ein relevantes Kriterium für die Auswahl des Führungspersonals. Vielmehr geht es um „Klarheit und Neuanfang“, oder um „die Integration der Parteiflügel“. So formulierten das zwei Parteitagsdelegierte aus Sachsen und Hamburg in Einspielern als Begründung für ihr Votum zugunsten von Merz und Frau Kramp-Karrenbauer. Jens Spahn vermittelt nicht diese symbolische Bedeutung, weshalb seine Kandidatur als aussichtslos gelten muss. Die Redaktion von Plasbergs Sendung fand als Unterstützerin auch lediglich eine Delegierte aus seinem eigenen Kreisverband Borken im Münsterland. Spreng erwies ihm aber den gebotenen Respekt, nämlich trotz seiner fehlenden Chance an der Kandidatur festzuhalten.

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