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TV-Kritik: „Dunja Hayali“ : Die neuen Alten halten sich für den Nabel der Welt

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Dunja Hayali Bild: dpa

Manche nutzen das Alter als Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, für andere dominiert die Angst vor der Altersarmut. Bei „Dunja Hayali“ zeigte sich aber auch: Die neue Rentner-Generation ist Ich-zentriert.

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          Was kann man sich mit 1.100 Euro statt mit 823 Euro im Monat leisten? Zweifellos so einiges, aber ganz sicher kein Hobby mit Segelschiff und Oldtimern. Diese Zahlen stehen auf dem Rentenbescheiden einer früheren Teilzeitbeschäftigten im Einzelhandel mit drei Kindern und einem ehemaligen Berufskraftfahrer. Die Rentnerin aus Wuppertal arbeitete dreißig Jahre versicherungspflichtig, der Rentner aus Brandenburg sogar fünfzig Jahre in Vollzeit. In der Sendung von Dunja Hayali über das „Abenteuer Alter“ stand sie für „Altersarmut“, während er die „Lust am Lebensabend“ symbolisierte, wie es im Titel hieß. Dafür soll eine Einkommensdifferenz von 277 Euro im Monat verantwortlich sein?

          Widerspüchliche Erwartungen an das Rentensystem

          Selbstredend nicht. Es geht keineswegs um die das Alterseinkommen bestimmende Rentenformel. Vielmehr zeigen sich an diesen Beispielen sogar die Fortschritte der vergangenen Jahre. Anita Pixberg wird in ihrem aktiven Arbeitsleben wesentlich geringere Rentenanwartschaften erworben haben als der Berufskraftfahrer. Die Anrechnung der Kindererziehungszeiten und die sogenannte Mütterrente heben ihren Rentenanspruch über das Grundsicherungsniveau. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist in ihren Lebenslagen zu finden.

          Er ist verheiratet mit einer noch berufstätigen Ehefrau, lebt in einer eigenen Immobilie. Sie ist geschieden und hat aus dieser Ehe offenbar kaum Rentenanwartschaften vom früheren Ehemann erworben. Frau Pixberg muss zudem Miete in einem Seniorenwohnprojekt zahlen. Um halbwegs über die Runden zu kommen, ist sie als Minijobberin in einem Seniorenzentrum erwerbstätig.

          Anschließend diskutierte Frau Pixberg mit der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles und dem Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell über Altersarmut. Sie artikulierte einen Vorwurf und eine Forderung. Der Vorwurf ging an die Politik, die solche Lebenssituationen nicht mehr kennen würde. Frau Nahles wies das unter Hinweis auf die eigene Mutter zurück. Wer will nicht die Lebensleistung von Frau Pixberg mit einer höheren Rente anerkennen? Sell beschrieb allerdings den Kern des Problems. Frau Pixberg hatte nämlich gemacht, was in früheren Jahrzehnten alle für richtig hielten: Als Mutter die eigene Berufstätigkeit zurückzustellen. Altersarmut ist die Konsequenz von „Scheidung oder Tod“, so Sell nicht ohne Gespür für Zuspitzung.

          Unsere Rentenversicherung bildet aber die Einkommenssituation in der aktiven Zeit ab, beruht soziologisch auf dem klassischen Familienmodell der lebenslangen Ehe. Dann kann sich ein Berufskraftfahrer seine Hobbys leisten, während die Einzelhandelskauffrau mit dem früheren Pfennig rechnen muss.  Daraus ergab sich die Forderung von Frau Pixberg an die Politik. Es ging um eine Grundrente in Höhe von eintausend Euro, unabhängig von erworbenen Rentenanwartschaften. Sell unterstützte das mit dem Hinweis auf die im europäischen Vergleich tatsächlich schlechte Absicherung von Geringverdienern in unserem Rentensystem. Nur beruht das auf dem Grundsatz der sogenannten Lebensleistung. Es soll gerade nicht die sozialen Unterschiede reduzieren, sondern vielmehr reproduzieren. Ein Grundsicherungsmodell, wie es auch Sell forderte, hat somit normative Konsequenzen in unserem Gerechtigkeitsempfinden. Jeder hätte darauf Anspruch: ein Taugenichts, der nie seinen Beitrag für diese Gesellschaft geleistet hat, genauso wie die berühmte Zahnarztgattin mit einem hohen Haushaltseinkommen. Ob das ein Kraftfahrer mit lebenslanger Beitragszahlung als soziale Gerechtigkeit empfindet, kann bezweifelt werden. Nicht zuletzt deshalb beharrte Frau Nahles auf das in der Fachsprache genannte „Äquivalenzprinzip“ als Verbindung aus Leistung und Gegenleistung in der Rentenversicherung.

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