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TV-Kritik: „Anne Will“ : Wie repräsentativ sind Spitzenpolitiker wirklich?

  • -Aktualisiert am

Anne Will (links) diskutierte mit Sahra Wagenknecht und Thomas de Maizière über das Thema „Zwischen Höchstleistung und Überlastung - wann macht Arbeit krank?“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht zieht sich krankheitsbedingt zurück. Anne Will nimmt das zum Anlass, um darüber zu diskutieren, wann Arbeit krank macht. Ob ausgerechnet Spitzenpolitiker dafür ein passendes Beispiel sind?

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          Noch vor wenigen Jahrzehnten galt die Härte gegen sich selbst, und wohl auch gegen andere, als Tugend. Selbst Krebs wurde schamhaft verschwiegen, von psychischen Erkrankungen gar nicht erst zu reden. Das lag an der strikten Trennung zwischen dem Leben als Privatmensch und dem in einer sozialen Rolle. Nicht zuletzt durch den Umgang mit AIDS veränderte sich dieses Selbstverständnis. Die gesellschaftliche Stigmatisierung wich einem offeneren Umgang mit Krankheit.

          Das lag nicht zuletzt an Prominenten, die das Tabu des Schweigens brachen. Damit machten sie jenen vielen Unbekannten Mut, die das gleiche Schicksal teilten. Sie veränderten damit das gesellschaftspolitische Klima: Das Mitgefühl ersetzte das peinliche Beschweigen. Erst dieser offene Umgang ermöglichte zudem die effektive Bekämpfung etwa von AIDS. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

          Gefühl der „Ausgebranntheit“

          Gestern Abend versuchte Anne Will daran anzuschließen. Der Anlass war der krankheitsbedingte Rückzug von Sahra Wagenknecht (Linke) aus ihren Führungsfunktionen in ihrer Partei und in der von ihr mitgegründeten Sammlungsbewegung „Aufstehen.“ „Wann macht Arbeit krank“, so der Titel der Sendung. Ist der Fall von Frau Wagenknecht somit repräsentativ für eine zwischen „Höchstleistung und Überforderung“ funktionierende Gesellschaft? Das war ein ambitionierter Ansatz, weil sie unterschiedliche Problemlagen in sechzig Minuten unterbringen musste. So ging es um das Rollenverständnis von Politikern und die damit verbundenen Zwänge.

          Dabei zeigte sich, dass die frühere strikte Trennung zwischen Privatleben und sozialer Rolle keineswegs aufgehoben ist, vor allem nicht für Politiker. Sie hat sich lediglich verändert. Früher sollten Rücktritte aus „gesundheitlichen Gründen“ bisweilen die Hintergründe verschleiern, um die politische Konflikte nicht zum Gegenstand der Debatte zu machen. Gestern Abend sollte dieser Eindruck erst gar nicht entstehen. Frau Wagenknecht schilderte ihr Gefühl der „Ausgebranntheit“, wie sie „gesundheitlich einen gewissen Dauerstress nicht mehr durchhalten“ konnte.

          Das habe die Wahrnehmung der mit Spitzenämtern verbundenen Verpflichtungen nicht mehr möglich gemacht. So sei ein Großteil ihrer Arbeitszeit als Bundestagsfraktionsvorsitzende mit der Moderation innerparteilicher Konflikte und der Konsenssuche verbunden. Dazu sieht sie sich nicht mehr in der Lage, obwohl sie weiterhin in anderen Funktionen aktiv bleiben will. So behält sie ihr Bundestagsmandat und wird auch Wahlkampf machen. Zudem artikulierte sie ihren Wunsch, die Neuwahl der Fraktionsspitze vorzuziehen.

          Natürlich hat dieser Rückzug der profiliertesten Politikerin der Linken politische Konsequenzen. Sie verändern die machtpolitische Statik ihrer Partei. Damit ist außerdem vorläufig ein Ansatz gescheitert, der sich bemühte zwischen den wegen der Flüchtlingskrise polarisierten Lagern Brücken zu schlagen. Darüber wurde aber nicht geredet, sondern das Thema fast schon tabuisiert. Stattdessen versuchte Frau Will die innerparteilichen Konflikte sogar als Auslöser der Krankheit zu identifizieren. Ob das gelungen war, konnte man bezweifeln. Sie zitierte dafür aus einem achtzehn Monaten alten Brief von Frau Wagenknecht, wo sie den beiden Vorsitzenden ihrer Partei innerparteiliches Mobbing vorwarf. Diese reagierte überrascht auf dieses Zitat, hatte es nicht mehr in Erinnerung, so ihre Auskunft. Sie wolle aber „nicht nachtreten.“

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