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TV-Kritik: „Anne Will“ : Guten Flug, Menschheit!

Anne Will und ihre Gäste Bild: © NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will lässt über die Dürre reden. Dabei zeigt sich, dass alle irgendwie grün sein wollen – aber vor den entscheidenden Fragen zurückschrecken.

          Wird dieser extreme Dürresommer etwas ändern, in der großen Klimapolitik vielleicht, oder wenigstens in unserem täglichen Verhalten? Weniger fliegen und Auto fahren etwa, klimafreundlicher heizen vielleicht? Von der Art sind die Fragen, die sich Anne Will für ihren Dürretalk zurecht gelegt hat. Man könnte es auch mit dem Stammtisch formulieren: Wann fangen wir endlich an, weniger um den heißen Brei reden und härtere Bandagen anzulegen?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine Klimapolitik, die vor allem heiße Luft produziert, braucht kein Mensch mehr. Mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung sind sich da einig, das jedenfalls sagen die Umfragen. Und so waren sie denn auch angetreten und ganz schnell heiß gelaufen, Wills TV-Gäste, um aus allen politischen Lagern ins gleiche klimapolitische Horn zu blasen: Umsteuern tut Not!

          Das war überhaupt die herrlichste Pointe dieses Abends. Ob gelb, schwarz oder Bauernverband – grün können sie inzwischen fast alle gleich gut. Fast  so gut wie das grüne Original, vertreten durch die aus Brandenburg stammende Parteichefin Annalena Baerbock, die sich nicht nur einmal an diesem Abend die Augen reiben und grinsen musste, was da so alles an umweltpolitischen Bekenntnissen heruntergebetet wird, wenn die Lage so ernst ist wie sie heuer scheint. Alle wollen gut Wetter machen mit den Grünen.

          Kopfüber vom Hochhaus

          Was doch so ein Umfragehoch alles an Grünfärberei bewirkt. Und wie ernst die ökologische Lage des Planeten tatsächlich ist, das hat der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, langjähriger Berater für die Kanzlerin, den EU-Kommissionspräsidenten und auch für den Papst in Rom, in seinen Statements  mehr als deutlich machen können. Schellnhuber verglich, metaphernreich wie er das gerne tut, unsere klimapolitische Lage mit einem freien Fall kopfüber aus dem Empire State Building. Am zweiten Stock vorbeifliegend reden wir uns immer noch die Köpfe heiß, statt uns endlich und ganz schnell Gedanken zu machen, wie der tödliche Aufprall denn vielleicht ja noch verhindert – oder wenigstens abgefedert – werden könnte.

          Das Bild brachte auf den Punkt, was auch der pragmatische Ansatz von Will, Klimawandel in konkretes Handeln zu wenden, nur unzureichend aufzudecken vermag: Wie viel Irrationalität nämlich in der aktuellen Klimapolitik immer noch steckt. Die Menschheit ist auf dem sicheren Weg in mindestens eine drei oder vier Grad wärmere Welt, in eine von Wetterextremen und Naturkatastrophen zunehmend unsicher werdende Welt, und redet mit ihren klimapolitischen Versatzstücken immer noch so, als wäre der Kurswechsel mit einem politischen Fingerschnippen zu schaffen. 

          In alle gesellschaftlichen Lager hat sich leicht erkennbar eine Klimarhetorik eingeschlichen, auch das förderte dieser Dürretalk bei Will zutage, die alle Züge eines Selbstbetrugs tragen. Besonders gut sichtbar wurde das, als es um die Frage der politischen Haftung ging. Muss Klimaschutz als Menschenrecht anerkannt und kann die europäische Politik gezwungen werden, ihre Rede vom maximalen Klimaschutz endlich auch in maximales Handeln umzumünzen?

          Eine Rechtsanwältin, die eine entsprechende Klage mehrerer Bürger gegen Brüssel vertritt, hat zumindest angedeutet, dass nun auch juristisch mit härteren Bandagen gekämpft werden soll. Das andere Beispiel für die halbseidene Klimarhetorik liefern die größten Opfer dieses Dürresommers. Bauernverbandsvizepräsident Werner Schwarz hatte natürlich recht, als er die Schuld am menschengemachten Klimawandel von den Landwirten wies. Zehn Prozent der Treibhausgas-Emissionen gehen auf ihr Konto, und das ist natürlich nicht die Hauptlast. Aber klimapolitisch macht Kleinvieh eben auch eine ganze Menge Mist, und das war ja eben die Intention dieser Sendung: Aufzuzeigen, dass jeder am besten bei sich selbst anfängt umzusteuern.

          Für die Landwirtschaft hieße das: Naturfreundlicher wirtschaften, weniger Industrielandwirtschaft. Dass die europäischen Agrarstrukturen, insbesondere die Agrarsubventionen in dieser Hinsicht noch immer in die entgegengesetzte und damit klimatisch weit weniger nachhaltige Richtung weisen, war weder von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), noch von dem nordrhein-westfälischen Amtskollegen Andreas Pinkwart (FDP) ernstlich abzustreiten. Das Grünwaschen der Politik stößt eben auch immer wieder an Grenzen, wenn es nur konkret genug wird.

          Doch natürlich hat es seine guten Gründe. Weil zum Beispiel keiner zugeben will, dass in den Parteien vor allem Klientelpolitik gemacht wird, dass  der Lobbyismus mächtiger denn je ist, oder dass Verzicht auch Teil eines nachhaltigeren Wirtschaftens werden müsste. Und mit 2,7 Millionen Bürgern, die inzwischen jährlich in schwerölbetankten Kreuzfahrtschiffen über die Ozeane tuckern, will es sich offenbar auch keiner mehr in der Politik verscherzen. Das alles sind Knackpunkte der Klimapolitik, die in Wills Dürretalk tunlichst außen vor gelassen wurden. Wie so vieles mehr: Regenerative Lösungen etwa für die Verkehrs- und Energiewende oder trockenresistente neue Nutzpflanzensorten aus den Genlaboren.

          Darüber wäre endlich zu reden, wenn es um pragmatische Lösungen für den Klimaschutz geht. Aber natürlich passt das auch alles nicht in eine nicht ganz einstündige Talksendung. So können wir fast sicher sein: Auch dieser Dürresommer wird die Klimapolitik wieder nicht in die Knie zwingen.

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