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TV-Kritik „Anne Will“ : Greta und der Geist der Utopie

  • -Aktualisiert am

Anne Will (hier im Gespräch mit Therese Kah von „Fridays for Future“) diskutiert mit ihren Gästen die freitäglichen Klima-Demos von Schülerinnen und Schülern. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Greta Thunberg inspiriert weltweit hunderttausende von Kindern und Jugendlichen. Doch gelingt es der Generation Greta auch, die Politik zu verändern? Bei Anne Will werden die Grenzen deutlich.

          Es wäre kurzsichtig, nur 50 Jahre zurückzugehen, um nach vergleichbaren Augenblicken zu suchen. Hundert Jahre träfen es besser. Im Sommer 1918, hundert Jahre vor Gretas erstem Auftritt, erscheint das Buch „Geist der Utopie“ des jungen Philosophen Ernst Bloch. Sein Ausgangspunkt ist die niederschmetternde Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Sein Buch beginnt mit den Sätzen: „Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Was jetzt war, wird wahrscheinlich bald vergessen sein.“ Zwei Jahre später schreibt Franz Kafka an seine Übersetzerin Milena Polak: „Kinder sind ernst und kennen keine Unmöglichkeit.“

          Und heute? Die junge Generation um Greta Thunberg geht weltweit auf die Straßen im Kampf für das Klima. Während der Schulzeit. „Streiken statt Pauken“ fragt deshalb Anne Will in ihrer Sendung. Denn diese Kinder, Schüler und Studenten werden nicht durch Glauben Berge versetzen. Ihr Zweifel an der politischen Entschlossenheit bringt etwas ins Rutschen. Was den Kindern unter den Nägeln brennt, ist so materiell wie kaum etwas Anderes. Sie sehen sich um ihre Zukunft gebracht. Ihr Schwänzen des Schulunterrichts erweist sich als politisches Mandat. Diese Generation gibt (sich) nicht auf. Sie öffnet einen neuen Pfad, weil sie sich mit den Folgen früherer Entscheidungen nicht abfindet.

          Wer ihren Ernst als Spaßbremsen abtut oder als messianischen Schwachsinn verhöhnt, unterschätzt die Langzeitwirkungen neuer sozialer Bewegungen. Ihre Kraft liegt darin, Lücken in der politischen Verfassung zu erkennen und anzusprechen. Sie akzeptieren nicht zweierlei Maß als Weisheit des Kompromisse-Schmiedens. Sie nutzen die Kraft der Beschleunigung ohne Bleifuß auf dem Gaspedal als Momentum, das Eltern und Großeltern als Bürgerinnen und Bürger mit auf den Plan ruft. Ihr Reich ist von dieser Welt. Sie schaffen neue Voraussetzungen für den freiheitlichen säkularisierten Staat und stellen ihn damit auf die Probe. Zeigt er sich ihr gewachsen?

          Greta ist mehr als ein Medienphänomen. Ihr Erfolg bezeugt die Kraft von Eigensinn, den die Politik so verabscheut wie der Teufel das Weihwasser. „Ich will, dass ihr die Angst spürt.“ Das ist ein Satz, wie man ihn aus Horrorfilmen kennt oder als Brief eines mörderischen Erpressers. Wolfgang Kubicki reagiert darauf mit gewohnter Robustheit. Die streikenden Schülerinnen und Schüler schadeten sich selbst. Sie brächten sich um das Recht, für schulische Leistungen Zensuren zu erhalten. Da springt Kubicki entschlossen zu kurz.

          Von Lee Strasberg lernen

          Therese Kah aus Dortmund, Klimaaktivistin der „Fridays for Future“, argumentiert wie eine Schülerin des Theaterpioniers Lee Strasberg. Sie bezieht ihre Kraft aus Antworten auf vier Fragen: Wer sie ist, wo sie ist, was sie dort tut und was geschehen ist, bevor sie dorthin kam. Die Klimakrise, abgekürzt, ist so drastisch, dass sie drastische Aktionen rechtfertigt.

          Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, ist an diesem Abend erstaunlich grüblerisch. Natürlich steht er zu dem Kohle-Kompromiss, von dem sein Bundesland profitiert. Der gelernte Physiker rät Frau Kah, ihr Studium der Informatik fortzusetzen. Politikwissenschaften kann sie ja zusätzlich ins Auge fassen.

          Robert Habeck heimst einen billigen Punkt ein mit dem Rat, die Einträge ins Klassenbuch wegen Schulschwänzens als Ehrenurkunde zu werten. Die Streiks seien leicht zu beenden, indem die Politik auf die Forderungen eingeht. Das unterschätzt den Betriebsmodus der Politik fahrlässig. Noch haben die Zukunftsfreitage nicht hinreichend deutlich gemacht, worin ihre Konfliktfähigkeit liegt. Welche für das politische System wichtigen Leistungen verweigern sie? Dass sie organisationsfähig sind, wird keiner mehr bestreiten.

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