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TV-Kritik „Anne Will“ : Greta und der Geist der Utopie

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Kleinarbeiten von Problemen reicht nicht

Der Physiker Harald Lesch sieht sich auf der Seite der Jugendlichen. Gäbe es hier zwei oder drei Stürme wie den Hurrikan Irma oder den Sturm Harvey, wären Schulen hierzulande alle verwüstet. Die Kritik am Schulschwänzen tut er ab als leichtfertiges Gerede, das vom Wesentlichen ablenke. Die Politik bleibe bei ihrem Geschäftsmodell des Kleinarbeitens von Problemen. Er begrüßt die Proteste der Jugendlichen als Geschenk zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik im Mai.

Kubicki merkt, dass er etwas zu nassforsch argumentiert hat, und schiebt nach, dass er in seiner Jugend gegen Atomkraft und gegen die Nachrüstung demonstriert habe. Als Oppositionspolitiker brauche er die Bundesregierung nicht zu verteidigen. Den Vorwurf, sie reagiere nicht auf den Klimawandel, findet er aber falsch. Lesch tarockt nach. Die Jugendlichen hätten keine Aktien, also Besitztitel, die sie im Kräftemessen mit der Politik ins Feld bringen könne, sondern nur Sorgen um die Zukunft, das ist Jean-Jacques Rousseaus „volonté générale“, ein Gemeinsinn, den man in dieser Dringlichkeit schon lange nicht mehr als Betriebsmodus in der deutschen Politik erlebt hat. Der Physiker lenkt den Sachverhalt auf das Konto der Wissenschaft: die Jugendlichen seien die einzigen, die die Wissenschaft ernst nähmen. Ist das so? Das wäre fatal.

Es folgt ein Interview Anne Wills mit Greta Thunberg, das durch den Ernst und die Haltung des Mädchens beeindruckt. Sie verkörpert, beflügelt durch charakterliche Sturheit, die alte Idee, dass, wo es einen Willen gibt, auch ein Weg gangbar zu machen sei. So verkörpert sie die klassische Haltung einer Gemeinwohlunternehmerin im Sinne Elinor Ostroms. Das kann ihr in diesem Jahr den Friedensnobelpreis einbringen.

Energie-Sabbat?

Harald Lesch spinnt den Faden weiter. Sich weniger zu bewegen, und sei es nur eine Stunde täglich, habe erstaunlich weitreichende Folgen. Wenn etwa alle Autos eine Stunde still stünden (statt im Stau), hätte allein das schon erstaunliche Folgen. Nun werden Autos nicht zu diesem Zweck gebaut oder gekauft, was andere Interessen auf den Plan ruft, die nicht einfach als partikular abgetan werden können.

Reiner Haseloff hält dagegen. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ermögliche andere Wege für Lösungen. Die Luftqualität im Chemiedreieck seiner Heimat habe sich seit der Wende erheblich verbessert. Sachsen-Anhalt exportiere heute sauberen Strom in andere Bundesländer. Die Bundesrepublik könne von seinem Bundesland klimapolitisch siegen lernen. Die AfD habe Direktmandate gewonnen, wo der Wählerschaft Angst vor Statusverlusten gemacht werden konnte. Eine seltsame Rechnung setzt er obendrauf: Wenn alle Wähler der Grünen den gleichen CO2-Ausstoß wie CDU-Wähler hätten, dann seien die deutschen Klimaziele schon im nächsten Jahr zu erreichen. Das erstaunte die Runde so sehr, dass die Nachfrage nach einer belastbaren Quelle unterblieb.

Müßig wirkt es, der Frage nachzugehen, ob die Grünen sich erfolgreich vom Image einer Verbotspartei verabschiedet haben. Die Autoindustrie habe die Grünen mit Plänen für die Elektromobilität längst überholt, sagt Habeck und lässt die Fragen an sich abperlen. Wenn Verbote richtig gesetzt werden, brauche man keine Angst vor ihnen zu haben. Kubicki bricht wiederholt eine Lanze für angemessene Preise, die den CO2-Ausstoß teurer machen und damit Erfindergeist mobilisieren. Das soll er mal dem Verkehrsminister erzählen.

Robert Habeck beweist grünen Optimismus. Klimaschutz führe nicht zu Deindustrialisierung, zu wenig Klimaschutz aber schon. Die Bundesregierung könne anders als durch distanziertes Schulterklopfen deutlich machen, dass sie das Anliegen der Freitagsdemonstrationen verstanden hat.

Auch Frau Merkel beherrscht die Strasberg-Methode. Sie zeigt es nur zu selten.

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