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TV-Kritik „Anne Will“ : Rosenmontag als gesetzlicher Feiertag?

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über niedrigen Löhne und magere Renten, doch mitunter ist es ein närrisches Treiben. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Immer häufiger sollen sozialpolitische Forderungen die Legitimationsverluste politischer Parteien kompensieren. Auch bei Anne Will. Es ist ein fast närrisches Treiben.

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          Heute ist Rosenmontag und in den Karnevalshochburgen schaut man besorgt in den Himmel. Es ist eine steife Brise angekündigt, die den Höhepunkt des Straßenkarnevals in Mitleidenschaft zu ziehen droht. Die Schüler gehen heute nicht zur Schule, was aber nicht dem Klima anzulasten ist. Entsprechend kommt die Kanzlerin nicht in die Verlegenheit, das Engagement der Jugend zur Erhaltung der Volkskultur loben zu müssen. Trotzdem hätte man gestern Abend bei Anne Will über den Karneval diskutieren können. Der „Witz im Wandel in der Zeiten“ wäre ein schönes Thema gewesen.

          Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hätte ihre Büttenrede über „die Latte-Macchiato-Fraktion in Berlin und das dritte Geschlecht“ vortragen dürfen. Zur anschließenden Debatte wäre bestimmt Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) eingeladen worden. Sie kommt schließlich aus der weithin unterschätzten Karnevalshochburg Thüringen. Zur Zeit scheint es nämlich in den Redaktionen keinen Grund zu geben, die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion nicht einzuladen. Sie war in einem Zeitraum von zehn Tagen in der dritten Talkshow.

          Auf eine solche Präsenz kamen früher nicht einmal gern gesehene Gäste wie Wolfgang Bosbach (CDU) oder Sahra Wagenknecht (Linke). Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass andere Politiker zum Höhepunkt des närrischen Treibens keine Zeit hatten. Oder sie schnell noch ihre Reden zum Aschermittwoch auf die Unvereinbarkeit mit der politischen Korrektheit überprüfen mussten, um sich ein Maximum an Empörung zu sichern.

          Wichtiges Anliegen

          Das kann zum Glück nicht für Malu Dreyer (SPD) gelten, obwohl sie als Mainzer Ministerpräsidentin als führende Repräsentantin des Karnevals in der deutschen Politik gelten muss. Sie hatte trotzdem noch Zeit für Anne Will. So ist am Aschermittwoch zwar alles vorbei, dafür bleibt uns der Wahlkampf erhalten. Nicht zuletzt in Thüringen, wo am 27. Oktober gewählt wird. Entsprechend war Mike Mohring als Spitzenkandidat der CDU-Thüringen als Kontrastprogramm zu Frau Göring-Eckhardt vorgesehen.

          Anne Will beteiligte sich an diesem Karnevalssonntag allerdings nicht am närrischen Treiben. „Niedriger Lohn, magere Rente – was ist uns Arbeit wert?“ war der Titel der Sendung. Es ist ein wichtiges Anliegen, das sie mit zwei Gästen zum Ausdruck brachte. Zum einen mit der Gewerkschafterin Petra Vogel (Linke), die mit ihrer Tätigkeit in einem Krankenhaus in Bochum auf ein Nettoeinkommen von 1.200 Euro im Monat kommt. Ihre Rentenansprüche sind entsprechend niedrig. Zum anderen mit Guido Fahrendholz, der als Koordinator in einer Berliner Notunterkunft für Obdachlose tätig ist. Beide machten jene Situation deutlich, wo der Sozialstaat sein Kernanliegen der Existenzsicherung nicht mehr gewährleisten kann.

          Eine Ursache ist in der Deregulierung des Arbeitsmarktes zu finden, die nicht erst mit der Agenda 2010 der Regierung von Gerhard Schröder zur Entwicklung eines uferlos gewordenen Niedriglohnsektors führte. Vor allem Frau Vogel war der tief sitzende Groll darüber anzumerken. Entsprechend bemühte sich die Moderatorin Verantwortlichkeiten festzustellen. Bekanntlich waren diese Reformen des Jahres 2003 nur im Konsens durchsetzbar gewesen: Zwischen Sozialdemokraten und Grünen auf der Regierungsbank, Union und FDP als Opposition mit einer Mehrheit im Bundesrat.

          Zum Jagen tragen

          Diese vier Parteien tragen damit die Verantwortung für die spätere Entwicklung. Das wollten weder Frau Göring-Eckhardt, noch Frau Dreyer und Mohring ernsthaft bestreiten. Wer den Niedriglohnsektor als Erfolgsmodell für den Arbeitsplatzaufbau betrachtet, kann sich um die sozialpolitischen Folgen nicht herumdrücken. Die Linke war die einzige Partei, die das damals in aller Deutlichkeit formulierte. Sie war allerdings auch erst als Protest gegen diese Politik entstanden. Damit war der ostdeutschen PDS als SED-Nachfolgepartei zugleich das politische Überleben gesichert worden.

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