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TV-Kritik: Anne Will : Lieber Klimakrise als Flüchtlingskrise

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Konsequenzen der Europawahl Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Union und SPD fehlte bei der Europawahl die Kraft zur harten Auseinandersetzung. Bei Anne Will machen Armin Laschet und Sigmar Gabriel die Hilflosigkeit ihrer Parteien sichtbar. Insgesamt ähnelt Deutschland in einem Punkt dem restlichen EU-Europa.

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          Europa ist in aller Munde. Das war an diesem Wahlabend nicht anders, obwohl vor allem das eigene Wahlergebnis interessierte. Zwar informierten alle Sender wenigstens über die Ergebnisse in den anderen großen EU-Staaten, doch das konnte die Blickrichtung auf den eigenen Haus und Hof nicht verändern. Das war in Anne Wills Sendung nicht anders, fiel dort aber umso nachdrücklicher auf. So sprach Annalena Baerbock als Vertreterin des klaren Wahlsiegers über das, was jetzt in Europa endlich geschehen müsse.

          Die Parteivorsitzende der Grünen hatte dafür bei dem herausragenden Wahlergebnis ihrer Partei gute Gründe. Im Europaparlament ist ihre Fraktion aber nur die viertstärkste Kraft. Zudem stammen fast ein Drittel dieser Fraktion aus Deutschland, während dort gleichzeitig andere europäische Staaten keine Rolle spielen. Für wen sprach Frau Baerbock bei Frau Will, wenn sie von Europa sprach? Bei Lichte besehen für ein grünes Europa, allerdings „Made in Germany“, so wie deren westeuropäische Verbündete.

          „Was uns eigentlich wichtig ist“

          Das ist Frau Baerbock nicht vorzuwerfen. Andere Parteien haben das gleiche Problem. So ist die „Partei“ des Martin Sonneborn mit ihren zukünftig drei Sitzen in Brüssel der Repräsentant des deutschen, nicht des europäischen Humors. Sie ist eine nationale Verirrung, gerade wegen oder trotz ihres beeindruckenden Stimmenergebnisses bei den Jungwählern: Mehr Deutschland geht nicht. Die beiden bisher im Europaparlament führenden Parteienblöcke aus Christ- und Sozialdemokraten haben vergleichbare Schwierigkeiten. So sind die französischen Sozialisten oder italienische Christdemokraten im Europaparlament bedeutungslos geworden. Diese Europawahl war in vielen Staaten innenpolitisch von einem hohen Maß an Polarisierung geprägt, was sich in einer gestiegenen Wahlbeteiligung ausdrückte. Allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen, die aber einen paradoxen Effekt haben: Die Fraktionen im Europaparlament werden in ihrer Zusammensetzung national homogener. Die Integrationskraft der beiden die Nachkriegszeit dominierenden Parteifamilien aus Christ- und Sozialdemokraten ist verloren gegangen.

          Insofern ist das deutsche Wahlergebnis ein Spiegelbild dieser Entwicklung. Das kam bei Anne Will leider – und zugleich verständlicherweise – nicht zur Sprache. Die Gäste standen zu sehr unter dem Eindruck des Triumphes der Grünen. Erstmals wurde die frühere Nischenpartei in einer bundesweiten Wahl zweitstärkste Partei. Dazu beeindruckende Wahlergebnisse in allen Generationen, aber vor allem bauten sie ihre Dominanz bei Erst- und Jungwählern aus. Frau Baerbock hatte eine kluge Erklärung, die sich in der Nussschale eines Satzes wiederfand: „Was wir getan haben?“, nämlich zu klären, „was uns eigentlich wichtig“ ist.

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