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TV-Kritik Anne Will : Marx, made in China

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Reinhard Kardinal Marx läuft bei Anne Will Gefahr, dem Marxismus das Wort zu reden. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Welche Rolle spielt Karl Marx heute noch? Dieser Tage wird er mit einem Denkmal aus China entwürdigt und einer Talkshow aus Berlin gewürdigt, in der man schließlich doch in der deutschen Politik landete.

          An diesem Wochenende gab es keine machtvollen Demonstrationen zum Geburtstag. Es zogen nicht Millionen Menschen durch die Straßen der Hauptstädte dieser Welt, um einem Mann zu ehren, der zum Sinnbild für die Hoffnung auf ein besseres Leben geworden war. Stattdessen gab es eine Geburtstagsfeier in Trier und eine Talkshow zum Geburtstag. Karl Marx wäre am Samstag 200 Jahre alt geworden. Anne Will nahm das Anlass, um über die Frage zu diskutieren: „Wie sozial ist der Kapitalismus heute?“

          Wahrscheinlich ist der politische Bedeutungsverlust des Marxismus nicht besser zu dokumentieren als mit dieser Konstellation. Oder besser gesagt, der Lesart des Marxismus, die ihn zu einer Staatsreligion degenerieren ließ. Wo das Konterfei von Marx zum Götzenbild wurde, um dem eigenen Herrschaftsanspruch eine legitimatorische Fassade zu verschaffen. Insofern passt es gut in diese Tradition, wenn die einzige heute noch relevante kommunistische Partei der Welt, die KPCh aus Peking, in Trier als Geburtsort von Marx ein Denkmal des Klassikers errichten lässt.

          Logik der Kapitalverwertung

          So definierte der Unternehmer Georg Kofler in der Sendung von Anne Will den Marxismus als ein ökonomisches, politisches und letztlich auch moralisches Desaster. Angesichts der Erfahrungen mit sich auf Marx berufenden Parteidiktaturen ist das nachvollziehbar. Er wurde in diesen Staaten zu einem totalitären Gesellschaftsmodell, durchgesetzt mit terroristischen Mitteln. Aber ist dafür wirklich Marx verantwortlich, so der Einwand von Sahra Wagenknecht (Linke)? Kofler nannte als Beleg etwa die berühmte These von der „Diktatur des Proletariats.“  Tatsächlich meinte Marx damit aber erst einmal nur die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse. Das Proletariat sollte die Diktatur des Kapitals zu beenden. Oder das, was Reinhard Kardinal Marx als „Logik der Kapitalverwertung“ beschrieb.

          Tatsächlich ist im Kapitalismus die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen nur Mittel zum Zweck. Das findet übrigens jeden Tag in der Börsenberichterstattung seine Bestätigung. Dort geht es ausschließlich um die Rentabilität des eingesetzten Kapitals. Liberale Ökonomen empfanden das schon immer als peinlich. Weshalb sie sich seit Urvater Adam Smith bemühten, dem Egoismus die höheren Weihen moralischen Handelns zu verleihen. Marx selbst überzog die damit verbundenen Widersprüche mit ätzendem Spott. Nachzulesen etwa in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ (Band 1) über die grotesken Bemühungen englischer Unternehmer zur Rechtfertigung der Kinderarbeit.

          Nicht zuletzt deshalb bestritt Kofler überhaupt die Existenz eines solchen Systems namens Kapitalismus. Dort gäbe es vielmehr Unternehmer, die außer Talent und Fleiß vor allem eines mitbringen müssten: Risikobereitschaft. In seiner Sichtweise ist der Kapitalismus gewissermaßen zu unserer zweiten Natur geworden. Der Kapitalismus kann dabei ein ungeheure Dynamik entfalten, wie Kofler feststellte. Das welthistorisch bedeutsamste Ereignis der vergangenen dreißig Jahre ist tatsächlich die Integration Chinas in den kapitalistischen Weltmarkt. Chinas Kommunisten haben den Kapitalismus in jeden Winkel ihres Landes gebracht. Erstmals kann dieses Reich die Potentiale kapitalistischer Produktionsverhältnisse für sich nutzen. Die Konsequenzen dieser Entwicklung werden mittlerweile spürbar, politisch und ökonomisch.

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