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TV-Kritik: Anne Will : Der Gesundheitsminister hält Hof – und erteilt sich die Absolution

  • -Aktualisiert am

Aber an diesem Abend waren ja noch weitere Verantwortliche in der Sendung zu Gast, wie etwa Manuela Schwesig, die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Sie glänzte vor allem mit Ausführungen darüber, wie gut die Politik in ihrem Bundesland die Pandemie durch eigene Maßnahmen meistere. Eigenlob ist ihr gutes Recht als Ministerpräsidentin, aber ihre Hinweise auf eigene Wege und Vorgaben passte so gar nicht zu ihrer Forderung nach einem bundeseinheitlichen Maßnahmenkatalog. Dieser akrobatische Argumentations-Spagat gelang Schwesig jedoch gleich mehrmals, meist sogar innerhalb weniger Worte.

Bliebe aus der Reihe der Verantwortlichen noch der vermeintlich wichtigste Protagonist: Gesundheitsminister Jens Spahn. Spahn unterstrich seine Sonderrolle nicht nur durch sein Aufgabenfeld als in der Pandemie federführender Minister sondern zusätzlich in der Talkrunde durch das Konstrukt „Einzelinterview“. Das bedeutete offenbar, dass nur Anne Will ihm Fragen stellen durfte und er auch nur ihr antwortete. Aber gut, die langjährige Journalistin wird genug Stoff haben, um den Minister in die Verantwortung zu nehmen. Könnte man denken. Doch dann hätte man sich an diesem Abend geirrt.

Es folgten handzahme Minuten, in denen der Minister sich und seiner Corona-Politik in aller Seelenruhe die Absolution erteilen konnte. Zum Beispiel: Politik-Wirrwarr und immer wieder neue Ziele? Nein, davon kann laut Spahn nicht die Rede sein. Das Grundziel sei immer gleich gewesen, nämlich die Zahl der Infektionen zu senken damit das Gesundheitssystem nicht überlastet werde. Ob das nun eine Inzidenzwert von 100, 75, 50, 20 oder 10 sei – allzu konkret muss man sich ja nun nicht festlegen. Genaues weiß man jedenfalls nicht. Hauptsache niedrig.

Und die Dauer des Lockdowns: Den werde man bestimmt nicht den Winter lang durchhalten können. Also wie lange? Ende März sei sein Winter zu Ende, so Spahn. Aber bis nächsten Sonntag werde man das Ziel sicherlich noch nicht erreicht haben. Selbst die Probleme bei der Impfstoffbeschaffung wurden von Spahn in Wohlgefallen umgewandelt: Es sei richtig, diesen auf EU-Ebene zu beschaffen – und dort dauere es eben etwas länger.

Dann verwies Spahn noch auf ein Interview des Biontech-Finanzvorstands Sierk Poetting, wonach zu Beginn der Pandemie auch mehr Geld oder mehr Produktionsstätten keine Verbesserung der Lage bewirkt hätten. Anne Will lässt auch diese Ausführung völlig unkommentiert durchgehen. Doch wenn es tatsächlich überhaupt keine Probleme geben sollte, warum fordert dann Spahn selbst andernorts Exportkontrollen für Impfstoffe? Und warum haben sich andere Regierungen Kaufoptionen auf alle erwartbaren Präparate gesichert? Die britische Regierung soll sich allein von Biontech/Pfizer mehr Impfdosen gesichert haben als die gesamte Europäische Union zusammen. Der Zuschauer wird all das an diesem Abend nicht erfahren, denn Anne Will hat nur noch einen herzlichen Dank für Jens Spahn übrig.

Den Blick geweitet

Georg Mascolo hingegen nannte den Themenkomplex Impfstoff ein überaus bedrückendes Kapitel. Bill Gates habe im Frühjahr gesagt, die Staaten der Welt sollten dafür viel Geld in die Hand nehmen und die Entwicklung des Impfstoffes nicht der freien Wirtschaft überlassen. Selbst wenn so manche Fehlinvestition dabei sein könnte, so zitiert Mascolo den Microsoft-Gründer, wäre es in diesem Pandemiefall wohl die beste Fehlinvestition, die man tätigen könne. Zudem weitete Mascolo den Blick über die deutschen und europäischen Grenzen hinaus und appellierte daran, in der Pandemie nicht nur an sich selbst zu denken. Man dürfe die ärmeren Länder der Welt nicht vergessen – sei es aus medizinischen Gründen im Hinblick auf mögliche Mutationen oder schlichtweg auch im Sinne der Humanität. Schließlich werde es auch eine Zeit nach der Pandemie geben.  

Und so endet ein spezieller Talkabend bei Anne Will mit einem nachdenklich stimmenden Appell. Die Diskussion mit Ralf Brinkhaus und Manuela Schwesig davor war überaus ernüchternd. Es ist erstaunlich, wie wild völlig nichtssagende Floskeln in so kurzer Zeit wuchern können.

Doch das Einzelinterview des Gesundheitsministers übertraf nochmal alles: Das Vertrauen der Bevölkerung in die Corona-Politik sinkt – und der wichtigste Minister antwortet nur Anne Will.

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