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TV-Kritik: „Anne Will“ : Ist Boris Palmer herzlos?

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Was die von führenden Vertretern der Branche geforderte Wiederauflage der Abwrackprämie betrifft, gab sich Müller mit der Terminplanung des Bundesfinanzministers zufrieden. Dieser kündigte an, über konjunkturpolitische Impulse Ende Mai oder Anfang Juni zu entscheiden. Söder wollte aber eine weitere Anhebung der erst im Januar verbesserten Subventionen beim Erwerb von Elektroautos nicht ausschließen. Interessanterweise begründete er das mit der bisher fehlenden Durchschlagskraft dieser Subvention beim Kunden. Hildegard Müller stellte wiederum die Priorisierung der Elektromobilität in Frage. Welchen wirtschaftspolitischen Sinn solche branchenbezogenen Subventionen in einer Vertrauenskrise der Konsumenten haben, kann man aber sicherlich noch bis zum Ende dieses Monats klären. Ein gutes Argument fiel bisher allerdings noch niemand ein.

Wertewandel bei Konsumenten

In Wirklichkeit geht es um etwas anderes, das die Soziologin Jutta Allmendinger ansprach. Sie bezweifelte, ob der Individualverkehr überhaupt noch als das Verkehrskonzept der Zukunft anzusehen sei. Eine gute Frage: In den vergangenen Jahren wurde das recht abstrakt diskutiert. Mit den hohen Einkommen in der Automobilindustrie konnte man sich das als gesellschaftspolitische Utopie volkswirtschaftlich leisten. Angesichts eines dramatischen Konjunktureinbruchs wird diese abstrakte Debatte aber nun konkret.

Jetzt muss die Politik plötzlich Prioritäten setzen, damit aus der Kurzarbeit nicht doch noch die bisher vermiedenen Massenentlassungen werden. Warum die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin gleichzeitig das Auto als Statussymbol kritisierte, blieb leider ein Rätsel. Die Industrie hat schon lange mit dem Wertewandel in wichtigen Konsumentengruppen zu kämpfen, die das Auto nicht mehr als das klassische Statussymbol ansehen. Unter denen finden sich wahrscheinlich auch die meisten Befürworter der Elektromobilität, was immerhin deren Absatzprobleme erklären könnte.

Kein Zurück zu „Kinder, Küche und Kirche“

Vor diesem Hintergrund werden vielleicht die recht seltsamen Einlassungen von Jutta Allmendinger über die Zukunft der Frauenerwerbstätigkeit verständlich. Sie befürchtete, die gegenwärtige Phase einer auf die Familie beschränkten Kindererziehung könnte der Frauengleichberechtigung „drei Jahrzehnte kosten“. Dass das neue Virus die meisten Frauen wieder von „Kinder, Küche und Kirche“ überzeugen wird, ist aber wohl nicht zu befürchten. Nur könnte sich in einem kollabierenden Arbeitsmarkt der hohe Teilzeitanteil in der Frauenerwerbstätigkeit als gravierender Nachteil erweisen, genauso wie die Überrepräsentativität von Frauen in besonders konjunkturanfälligen Dienstleistungsbranchen.

Ansonsten warten wir Zuschauer auf den kommenden Mittwoch, wenn sich die Ministerpräsidenten wieder mit der Bundeskanzlerin beraten. Was gestern noch als herzlos erschien, könnte dann dem gesunden Menschenverstand geschuldet sein. Es fehlen halt nur noch die passenden Zahlen. Aber sogar in Schweden ist die Reproduktionsrate des Virus mittlerweile kleiner als eins. Das nur als Hinweis.

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