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TV-Kritik „Anne Will“ : Geht es nur um den „Herrenwitz“, echt jetzt?

Sexismus-Debatte bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will setzt das Thema Sexismus auf die Talkshowordnung. Es wird wenig über Harvey Weinstein und Kevin Spacey geredet, umso mehr über Rainer Brüderle. Das zeigt die Schieflage der Debatte schon an: Sie franst aus und hat große blinde Flecken.

          Wie bekommen wir es hin, dass Menschen „korrekt miteinander umgehen“? Mit dieser Frage eröffnet Anne Will ihre Sendung zu dem Thema, über das im Augenblick alle reden und in das im Augenblick so vieles hineingepackt wird, dass schnell aus dem Blick gerät, worum es eigentlich geht. Es geht um Sexismus, um die Diskriminierung von Menschen ob ihres Geschlechts, um Machtmissbrauch, um Gewalt in sexualisierter Form, um Straftaten, um sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder und Männer, und – in der abgeschwächten Variante – um scheinbar alltägliche Umgangsformen, die Menschen – vor allem Frauen – zum Objekt machen. Das ist die Debatte, oder das sollte sie sein, an welche Anne Wills Redaktion die Frage knüpft: „Ändert sich jetzt etwas?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es habe sich schon etwas geändert, sagt die ehemalige „Stern“-Redakteurin Laura Himmelreich. Als sie im Februar 2013 ihren berühmten Artikel über Rainer Brüderle veröffentlichte („Der Herrenwitz“), in dem die Sprüche wiedergegeben waren, mit denen der FDP-Politiker sich ihr rund ein Jahr zuvor abends an der Bar genähert hatte, sei das Ganze noch mit dem Begriff „Hysterie“ in Verbindung gebracht worden. Das sei heute, in Zeiten der „metoo“-Kampagne, anders. Das mag man als Fortschritt begreifen, die Frage ist nur: Was hat sich in der Zwischenzeit, nach der „Aufschrei“-Initiative, wirklich getan? Und: Was hat das mit dem zu tun, was dem Produzenten Harvey Weinstein und dem Schauspieler Kevin Spacey vorgeworfen wird?

          Zu viel „too“ bei „metoo“

          Von Weinstein ist in der Sendung erstaunlicherweise nur insofern die Rede, als Laura Himmelreich darauf verweist, dass es nicht um ein „Hollywood-Problem“ gehe, schließlich hätten 45 bis 55 Prozent der Frauen in Europa – die Zahl hat die Redaktion von Anne Will zuvor eingespielt – schon einmal sexuelle Diskriminierung erlebt. In dieser Feststellung liegt eine Unschärfe, die im Laufe der Sendung nicht beseitigt wird. Die Agentin und Autorin Heike-Melba Fendel bemüht sich um Differenzierung, stellt sich dabei aber nicht sehr geschickt an und wird von Minute zwei der Sendung an zum von den anderen mit Missmut betrachteten „bad girl“. Der Hollywood-Prominenz, die sich nun zu Wort meldet und bekundet, sie habe schon immer von Weinstein (oder Spacey) gewusst, gesteht Heike-Melba Fendel nämlich keinen besonderen Mut zu, sondern erkennt darin eine dem Zeitgeist angepasste PR-Strategie. Der Feminismus habe Hollywood erreicht, sagt Heike-Melba Fendel, doch solle man das auch nicht idealisieren. Später sagt sie noch, ihr sei bei „metoo“ inzwischen zu viel „too“ dabei, nach dem Motto: Jetzt sagt jede(r) mal irgendwas dazu. Und den Künstler Kevin Spacey respektive dessen Filme würde sie auch gerne retten.

          Das macht die neben ihr sitzende Ursula Schele vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe einigermaßen fassungslos. Was man verstehen kann, schließlich geht es zunächst einmal nicht um das heuchlerische Verhalten von Leuten aus dem Showbusiness, die auf den fahrenden Zug der Sexismus-Debatte aufspringen, sondern um die jungen Frauen (und Männer), die allen Mut aufbringen müssen, um die Untaten mächtiger Figuren, deren Macht darauf beruht, dass sie glauben, mit allem durchzukommen, überhaupt an die Öffentlichkeit zu bringen. Dass das schon einmal dreißig Jahre dauern kann, fällt nicht – wie im Falle des Schauspielers Anthony Rapp – auf denjenigen zurück, der zum Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde, sondern auf denjenigen, der sich auf den damals Vierzehnjährigen stürzte. Dass Kevin Spacey sich daran nicht erinnern können will, macht Verona Pooth, die auch bei Anne Will in der Runde sitzt, besonders wütend. Schließlich geht es hier um sexuelle Gewalt gegen Minderjährige, von der im Fall Spacey inzwischen auch der Sohn des Schauspielers Richard Dreyfuss berichtet hat.

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