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TV-Kritik: Anne Will : Laschet kann sie alle schaffen

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Erst nach einigen Momenten fängt er sich wieder und wählt die bekannte Taktik: Attacke aufnehmen („meine Position war klar, ich nehme das ernst, was Sie sagen“), reden und Zeit gewinnen („in Demokratien entscheiden die, die dafür gewählt werden“), Inhalt wenden („als Bundesvorsitzender würden mir noch ein paar einfallen, die mir nicht passen“) und den eigenen Punkt machen („Ich werbe als Vorsitzender…“).

Laschet ist schon lange im Geschäft, er hat viele Schlachten geschlagen. Er spürt Unsicherheiten und Ungenauigkeiten, auch bei Luisa Neubauer und ihrem Vorwurf des Antisemitismus bei Hans-Georg Maaßen. Laschet fragt, was genau Maaßen gesagt haben soll – doch Neubauer muss passen mit dem Appell, Laschet solle sich damit auseinandersetzen.

Nun geht Laschet in die Offensive: Er sei sich sicher, dass Maaßen kein Antisemit ist. Gerade bei diesem Thema kenne er kein Pardon, ein Parteiausschluss wäre die zwangsläufige Folge. Neubauer bleibt nichts Anderes übrig, als dieses erste Gefecht verloren zu geben. Doch ihr nächste Angriff folgt umgehend – dieses Mal in einem Bereich, in dem sie sich bestens auskennt: Umweltschutz.

Neubauers Wut und Detailkenntnis

Die Sendung neigt sich schon dem Ende entgegen, als die Zeit des Konkreten anbricht – als nämlich Luisa Neubauer den Regierenden grandioses Versagen vorwirft. „Fridays for Future gibt es in der Größe in Deutschland auch nur, weil über Jahre und Jahrzehnte Deutschland und allen voran die CDU ökologische Krisen produziert und nicht gelöst hat.“ Dann fragt sie konkret: Ist die Regierung bereit, eine Politik zu machen, damit das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden kann? Gemeint ist eine Erderwärmung von nicht mehr als 1,5 Grad.

Laschet versucht es mit Bewährtem: Jetzt werde erst einmal das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt. In Paris habe man beschlossen, bis 2050 klimaneutral zu sein. Doch weiter kommt er nicht, Neubauer prescht sofort dazwischen. Dieses Jahresziel gelte global – und nicht für Deutschland. Die Bundesrepublik müsste dem Abkommen entsprechend wohl schon zwischen 2030 und 2040 klimaneutral werden. Laschet ist überrumpelt – und wiederholt den Fehler „2050“.

Doch dann fängt er sich, geht einen Schritt zurück, nimmt Neubauers Forderung auf (“da sind wir uns einig“), um dann wieder über einen langen Umweg selbst Schwung aufzunehmen. Als Laschet ankündigt, die Klimaschutzziele würden ambitiöser, fragt sie sofort nach: Gemessen woran? Neubauer will es konkret, Laschet ungefähr. Wieder holt sich Laschet Sicherheit mittels einer langen Antwort. Er macht klar, dass er als Kanzler die Umweltfragen mit anderen Problemen versöhnen werde: Wirtschaft und Arbeitsplätze. Neubauer hingegen begeht einen Fehler. Ihre Sorge um den Planeten manifestiert sich in Wut; dabei redet sie so lange bis Laschet einen Punkt findet, an dem er kontern kann – und das macht er dann sehr souverän.

Dennoch war dieser verbale Schlagabtausch das Highlight der Sendung. Endlich wurde konkret gestritten, nachgehakt, widersprochen und erwidert. Und nicht zuletzt auch um einen gangbaren Weg gerungen.

Doch die Sendung hat vor allem eines gezeigt: die Stärken des Kanzlerkandidaten von CDU/CSU. Armin Laschet ist ein Profi mit unglaublichem Stehvermögen. Das haben an diesem Abend Anne Wills Gäste wie auch die Zuschauer gesehen, Markus Söder hat es zuletzt gar zu spüren bekommen. Und im September bei der Bundestagswahl könnten das eventuell auch die anderen politischen Kontrahenten erfahren.

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