https://www.faz.net/-gqz-9gzqz

TV-Kritik: Anne Will : Bühne frei für die Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Diskussion bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

In der Talkshow von Anne Will sollte es um die Zukunft der Arbeit gehen – doch die Teilnehmer betreiben vor allem Vergangenheitsbewältigung. Besonders ein CDU-Politiker beherrscht diesen Diskurs perfekt.

          Manchmal wirken Diskussionen über die Zukunft der Arbeit wie der Versuch, den Magnetismus erneut als Geheimnis zu betrachten, und sich darüber zu wundern, dass Eisenspäne sich entsprechend der auf sie ausgeübten Anziehungskraft ausrichten. In der Sendung von Anne Will war das so ähnlich. Dabei stand, uneingestanden, auch die Frage im Raum, welche politische Anziehungskraft von Jens Spahn ausgeht.

          In der Woche zuvor hatte Frau Will den CDU-Vorsitzkandidaten Friedrich Merz in ein Kreuzverhör genommen. Nun saß Spahn eher als Sidekick in der Runde und musste beweisen, dass er als Generalist in angemessener Dosierung konservative Positionen zur Sozialpolitik vertreten kann. Er tat das in einem Kontext, der absurder kaum hätte sein können. Darin liegt die Crux des Abends.

          Was ist zumutbar?

          Wer kann ernsthaft behaupten, dass die derzeitig geltenden Gesetze namentlich der sogenannten Hartz-Reformen auch nur annähernd dazu geeignet sind, arbeitsmarktpolitische Verwerfungen infolge der Digitalisierung angemessen zu beantworten? Sie bilden – sozusagen versicherungshistorisch – eine arbeitsmarktpolitische Vergangenheit ab, übrigens auch den Bruch mit einer Vorvergangenheit, die noch unter der Regierung Helmut Kohls auch von der CDU als unstrittig akzeptiert worden ist, etwa wenn es um die Frage ging, ob es einer qualifizierten Ingenieurin zuzumuten sei, Jobangebote anzunehmen, die weit unter ihrem Qualifikationsniveau lägen. Diesen Sachverhalt betrachtete die vorletzte christlich-liberale Bundesregierung als unzumutbar.

          Es bedurfte einer rotgrünen Koalition, um die Schwellen des Zumutbaren zu senken und mit Sanktionen zu drohen, wenn ein Jobangebot weit unter Qualifikation nicht akzeptiert würde. Diese Reform hat, bildlich gesprochen, zu einem Zeitpunkt ein Wettrennen in den Abgrund beschleunigt, als schon längst der Aufbruch in die strahlende Welt einer digitalen Wirtschaft begonnen hatte. Man hat es sich in einer Welt von Furcht und Schrecken im Zeichen der Vergangenheit gemütlich gemacht, rhetorisch mit der Formel des Forderns und Förderns die Instrumente gezeigt, die den Weg nach unten bestenfalls zeitweilig verlangsamen würden.

          Wie denkbare Wege nach oben aussehen könnten, war zwar Gegenstand einer Enquete-Kommission des Bundestages, aber deren Empfehlungen ist keine Bundesregierung seither gefolgt. Man hat die Zukunft beschworen, das abgehakt und sich weiter mit den Folgen einer unerfreulicher werdenden Vergangenheit geplagt. Man hat das immer unter Berufung auf diejenigen getan, die immer noch in Lohn und Brot stehen und es nicht akzeptieren würden, dass Menschen, die ihren Job verloren haben, sich weigern könnten, ein Jobangebot anzunehmen, für das sie überqualifiziert sind.

          Achsengerechte Spiegelbilder des Schreckens

          Man glaubte tatsächlich, dass der mutmaßliche Unmut der einen die Demütigung und Angst der anderen rechtfertigen würde. Tatsächlich hat es nur dazu gereicht, dass sich die Angst auf beiden Seiten der arbeitsmarktpolitischen Skala achsengerecht gespiegelt hat. In den arbeitslos Gewordenen erkennt der vermeintlich ungnädige einstige Kollege, der noch in Lohn und Brot steht, sein Spiegelbild. Ersparen wir uns den Blick auf die für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts des Schreckens erforderliche Bürokratie. Sie gibt den von ihr verwalteten Schrecken sorgsam gebündelt weiter.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Chaos : Was nun, Frau Premierministerin?

          Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit – und löst damit ein Chaos aus: Das Pfund stürzt ab, das Parlament rebelliert, die Bürger sind genervt. FAZ.NET stellt die vier wichtigsten Fragen zur Zukunft Großbritanniens.

          Salafismus : Die freiwillige Ausreise des Gefährders Halil D.

          Halil D. wurde verdächtigt, einen Anschlag auf ein Radrennen in Frankfurt geplant zu haben. Nach seiner Freilassung galt er als einer der gefährlichsten Islamisten in Nordrhein-Westfalen. Nun ist er seiner Familie in die Türkei gefolgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.