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TV-Kritik: Anne Will : Bühne frei für die Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Das dystopische Bild ist komplett. Unter Anne Wills Gästen saß mit Simone Menne eine Frau, die wunderbar und eindringlich beschreiben kann, was für Fähigkeiten die neuen Jobs einer digitalisierten Wirtschaft erfordern und wie der Weg aussehen kann, die dafür nötigen Bildungsprozesse in Gang zu setzen. Aber zwei Drittel der Sendung befassten sich leider vorrangig mit den Selbstzwängen der alten Reformen und den von ihnen ausgehenden rhetorischen Schablonen.

Kandidat Spahn beherrscht die Diskurse der auslaufenden Vergangenheit perfekt, er kann sie vermutlich auch im Schlaf herbeten. Diejenigen, die Steuern und Beiträge zahlen (als ob das eine Fron wäre), erwarten, dass Zumutbares getan wird, sonst müssten Sanktionen greifen.

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Als Wildcard sitzt mit Michael Bohmeyer jemand in der Runde, der mit dem von ihm gegründeten Verein „Mein Grundeinkommen e.V.“ erprobt, wie eine andere Logik aussehen kann, die dazu beiträgt, ohne Zwang und Sanktionen neue Herausforderungen in den Blick zu nehmen, sich dafür selbsttätig zu qualifizieren und auf vorangegangene Phasen der Prekarität mit neuer Zuversicht zu antworten. Jens Spahn findet das so abwegig, dass ihm nicht einmal in den Sinn kommt, sich danach zu fragen, warum Dax-Vorstände wie Höttges und Kaeser oder der DM-Gründer Werner sich mit der Idee befassen. Den unglücklichen CDU-Parteifreund Althaus scheint er gänzlich vergessen zu haben. Alle vier setzen sich für die Erprobung eines bedingungslosen Grundeinkommens ein und sind beileibe keine Sozialisten. Sie haben als unternehmerisch denkende Menschen nur eine andere bildliche Vorstellungskraft, wie Zukunft gedacht werden kann.

Symbolische Botschaften reichen nicht

Mit Lars Klingbeil sitzt Jens Spahn jemand gegenüber, der als Generalsekretär der SPD in der Pflicht ist, berechenbar zu argumentieren, der aber in einer vorangegangenen Funktion der digitalpolitische Libero seiner Partei war. Klingbeil hätte deutlicher werden können, tat das aber nicht aus Rücksicht auf seine noch nicht ganz aufgeräumt argumentierende Parteivorsitzende. Sie sendet unentwegt symbolische Botschaften, denen aber die für politische Phantasie zwingend erforderlichen unterlegten Konzepte fehlen. Sie will die Vergangenheit los werden, ohne die Zukunft zu beschreiben, die den Schrecken hinter sich ließe.

Schließlich spielt in dieser Runde Sahra Wagenknecht die unglückliche Rolle, eisern an den auch nicht ganz glücklichen status quo ante zu erinnern, der noch unter Norbert Blüm gegolten hatte (also seit zwanzig Jahren vergangen ist). Die Fraktionschefin der Linken als Lordsiegelbewahrerin des Herz-Jesu-Sozialisten, die Öchsle-Grade sind einfach zu üppig, um nicht abzuheben.

Der Detail-Ablauf der Diskussion braucht nicht nacherzählt zu werden. Spahn hat seine Applaus-Bonuspunkte abgeholt, das gleiche gilt für Klingbeil und Wagenknecht. Von Frau Menne und Herrn Bohmeyer hätte man gerne mehr erfahren, aber das ging nicht, weil der Spielplan immer noch vorsieht, der Vergangenheit die Bühne zu geben.

Da steht sie nun und sieht so unerfreulich aus wie selten.

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