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TV-Kritik: „Anne Will“ : Das hat es in einer deutschen Talkshow noch nicht gegeben

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert in ihrer Sendung am 19. Januar 2020 mit ihren Gästen zum Thema: „Berliner Libyen-Konferenz – Hoffnung für ein Land im Chaos?“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Premiere in der Sendung von Anne Will: In der Debatte zur Krise in Libyen deklariert ausnahmsweise keiner der Gäste die Vereinigten Staaten zum Hauptverantwortlichen. Was bedeutet das für Deutschland?

          5 Min.

          Wahrscheinlich hat es das in einer deutschen Talkshow noch nicht gegeben: Es wird über einen internationalen Konflikt geredet und die Vereinigten Staaten werden nicht erwähnt. Niemand gab einem amerikanischen Präsidenten gute Ratschläge, wie er alles besser machen könnte. Lediglich Wolfram Lacher erwähnte einmal das, was früher der Westen genannt wurde.

          Die neue Rolle der Türkei und Russlands in diesem Bürgerkrieg sei die „Folge des Rückzugs des Westens“, so der für die „Stiftung für Wissenschaft und Politik“ arbeitende Politikwissenschaftler. So waren in Berlin viele Präsidenten zu Gast, aber nicht Donald Trump. Das geschah sicherlich nicht, weil der Herr im Weißen Haus plötzlich guten Deals abgeneigt wäre. Vielmehr hätte er mit seiner Teilnahme zwangsläufig die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg dieser Konferenz übernehmen müssen. Das überlassen die Amerikaner in Libyen offenkundig lieber anderen.

          So war diese Sendung für die Gastgeberin eine Herausforderung: Über die Amerikaner zu lamentieren, reichte diesmal nicht. Das drückte sich schon im vergleichsweise sachlichen Titel „Berliner Libyen-Konferenz – Hoffnung für ein Land im Chaos?“ aus. Die ansonsten obligatorische politische Zuspitzung gab das Thema somit nicht her. Die Kontroverse zwischen Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und der Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen (Die Linke) hielt sich demnach auch in überschaubare Grenzen. Letztere hatte Mühe, die üblichen Forderungen ihrer Partei anzusprechen, etwa die nach einem Verbot von Waffenexporten.

          Warnung vor „einfachen Schablonen“

          Hier zeigten sich erstmals die Konsequenzen einer eigenständigen Außenpolitik, die es sich nicht mehr im Windschatten einer Weltmacht als wichtigsten Verbündeten bequem machen kann: Selbst die Linken müssen sich mittlerweile über Mächtekonstellationen Gedanken machen, wenn der traditionelle Anti-Amerikanismus als einziger Bezugspunkt des Denkens ausfällt.

          Dağdelen gehört schon lange zu den härtesten Kritikern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser unterstützt die Regierung in Tripolis, neuerdings auch mit Truppen. Die linke Außenpolitikerin sprach zudem von islamistischen „Terrorbanden“, die für diese Regierung kämpften. Wobei Lacher vor solchen „einfachen Schablonen“ warnte: Hier handelte es sich keineswegs um einen Krieg zwischen „Islamisten und Säkularisten.“ Zudem machte Christoph Marschall eine interessante Anmerkung. Es gäbe „Länder, die kein Interesse an Stabilität“ hätten. Der Korrespondent des Berliner Tagesspiegels nannte Russland und die Türkei, die „einen Fuß in die Tür“ nach Libyen bekommen wollten.

          Keine militärische Lösung möglich

          Nun sollte man sich nichts vormachen: Die wenigsten Zuschauer konnten wahrscheinlich die in diesem Konflikt existierenden Interessenunterschiede handelnder Akteure nachvollziehen. So musste Anne Will die Grundlagen dieses Konfliktes erst einmal vermitteln, damit ihre Zuschauer die daraus resultierende Politik überhaupt beurteilen können.

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