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TV-Kritik: „Zorn“ im Ersten : Macht euren Kleinkram alleine

Ohne Schröder (Axel Ranisch) wäre Zorn (Misel Matičević) aufgeschmissen - wenn er ihm nur nicht immer die Hand tätscheln würde Bild: MDR/Edith Held

Auch Halle ist jetzt wieder Krimistadt. Hier ermittelt Claudius Zorn, der wohl faulste Kommissar, den das deutsche Fernsehen je gesehen hat. Versagen als Widerstand - „Zorn“ sollte in Serie gehen.

          Ähnlich effektvoll ist wohl nur Schimanski in das deutsche Fernsehen hineingetrudelt, als er 1981 in seiner versifften Duisburger Küche sein Frühstücksei kurzerhand roh genoss. Man merkt, dass Regisseur Mark Schlichter schon Schimanski-Folgen gedreht hat. Sein neuer Hauptkommissar namens Zorn (Misel Matičević) setzt zu Beginn des ersten Falls noch einen drauf. Angetrunken fährt er mit Tempo 30 auf der linken Spur der Stadtautobahn und versucht beim Telefonieren (Klingelton „Like a Virgin“) auch noch zu rauchen. Sein erster Satz, gesprochen in einem leicht knödeligen Berlinerisch, ist auch nicht schlecht: „Nee, Schröder, ich hab Feierabend. Ich hab kein’ Bock, mich um so ’nen Kleinkram zu kümmern. Das machste gefälligst alleine.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Sofort sieht man das Potential dieses Kommissars, der in Buchform schon seit Jahren ermittelt. Im deutschen Fernsehen jedenfalls gab es noch keinen, der fauler und unmotivierter gewesen wäre. Eigentlich könnte Claudius Zorn, der Schlag bei Frauen, aber eine geringe Libido hat, ein geruhsames Beamten- und Liebesleben als Low Performer führen. Doch immer wieder kommt ihm diese alles erschwerende Einfühlsamkeit in die Quere. Er bekommt Mitleid, und er verliebt sich. Dann will er doch mehr.

          Nix darf man mehr

          Misel Matičević, seit „Hotte im Paradies“ eher abonniert auf taffe Prollhelden, verkörpert den Loser mit großer Spielfreude, auch wenn die Figur filmisch zuweilen auf schmalem Grat wandelt. Stellenweise nehmen die Kraftausdrücke und Mittelfinger dann doch überhand. Und auch die Pointen der frühen Dialoge zwischen Zorn und seinem Assistenten Schröder sind oft so erwartbar wie in einer Kinokomödie von Til Schweiger. Hier soll wohl eine vermeintlich grobgestrickte junge Zielgruppe bei der Stange gehalten werden.

          Schlag bei Frauen, aber auch in Liebesdingen ein Low Performer: Zorn lässt Hannah (Katrin Bauerfeind) für sich arbeiten Bilderstrecke

          Bemerkenswert wird der Film, dessen Drehbuch Stephan Ludwig, der Autor der Zorn-Romane, zusammen mit Regisseur Schlichter verfasst hat, aber vor allem wegen seines stillen Humors. So, wenn Zorn, der sich weigert, aus dem baufälligen Kommissariat in den großen Büroturm gegenüber zu ziehen („Wir bleiben, bis die Abrissbirne kommt“), gelangweilt an seinem Schreibtisch sitzt und unerlaubt raucht, während im Hintergrund kommentarlos ein Büromöbelstück am Fenster vorbeifliegt. Eine Absurdität, die sich zum Running Gag und zur Zeitdiagnose steigert: Die Welt ertrinkt in blindem Aktionismus, und nix darf man mehr. Dabei sind die alten Sachen doch eigentlich noch gut.

          Ranisch ist treu wie ein Hund

          Einen ungewöhnlichen Zwischenton trifft auch Axel Ranisch als Zorns Kollege Schröder. Mit engagierter Unschuldsstimme und großen staunenden Augen erträgt er stoisch seine Existenz als überqualifizierter Pflaumenaugust. Seine Devotheit ist dabei scheinbar völlig unstrategisch. Er ist treu wie ein Hund und wartet nur darauf, Zorns Hand in Schwächemomenten geradezu mütterlich zu tätscheln. Auch von Ranisch bleibt einer der ersten Auftritte haften: die Art und Weise, in der er feierlich verkündet, dass es endlich wieder einen Mordfall aufzuklären gibt. Zorns Reaktion: „Woho!“

          Leider ist dieser Mordfall dann an Blutigkeit kaum zu überbieten - und es irritiert, mit welcher Gefühlskälte die Opfer im Stil eines Horrorthrillers sekundenlang von der Kamera ausgestellt werden. Und auch die Schrulle, dass Zorn kein Blut sehen kann, wird angesichts einer Lache mit sieben Litern davon gehörig relativiert.

          Tatort des Krimis ist Halle, das seit fast zwanzig Jahren fernsehkriminologisch verwaist war. Jetzt zeigt sich wieder, dass es einen Krimi wert ist. Es hat schöne und finstere Ecken, und die Drehgenehmigung für eine der Schlüsselszenen in der imposanten Marktkirche ist angesichts dessen, was dort passiert, sehr großzügig bemessen worden. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Zorn-Krimi nicht in Serie geht.

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