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TV-Kritik: „Sommerinterviews“ : Wie sich die Öffentlich-Rechtlichen vorführen lassen

  • -Aktualisiert am

ZDF-Mann Koll folgt der rhetorischen AfD-Spur und scheint nicht zu bemerken, dass er durch die Wiederholung unsäglicher Zitate dem Geschäftsmodell der AfD in die Falle tappt. Das einzige Resultat, das er so erzielt, bleibt dabei, dass die Parteiführung milde Distanz zeigt und das enthemmte Fußvolk dazu jubelt.

Suggestivbehauptungen versus fehlendes Sachwissen

Koll scheinen in einem entscheidenden Augenblick auch die sachlichen Kenntnisse zu fehlen, wie auf die entgleisende politische Sprache zu antworten ist. Meuthens Hinweis auf „kulturfremde Einwanderung“ ist ihm keine Rückfrage wert. Victor Klemperers Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“ wäre eine geeignete Quelle für historisch präzise Sprachkritik.

Meuthen erzielt einen weiteren Punkt gegen seinen Interviewer, als er sich völlig verzerrt auf die Kriminalstatistik beruft und Koll auf die irreführende Generalisierung mit der Ausflucht antwortet, das wolle er nicht in Abrede stellen. Verfügt das ZDF-Hauptstadtstudio nicht einmal mehr über politisches Basiswissen, um vergiftende Suggestivbehauptungen zurückzuweisen? Stattdessen reicht es Koll, die Pressemeldungen der AfD zu mutmaßlichen Straftaten von Ausländern in Zweifel zu ziehen. Das ist aber kein Instagram-Schönheitswettbewerb, lieber Herr Koll, das ist eine Falle, in die Sie unvorbereitet getappt sind.

Weitere Vorhalte, etwa zu dem Bundestagsabgeordneten Stefan Keuter oder dem bayerischen Landtagsabgeordneten Alfred Müller, der bei der Gedenkminute für den ermordeten Regierungspräsident Walter Lübcke sitzen blieb, wedelt Meuthen routiniert beiseite. Das Parteigesetz habe hohe Hürden errichtet, die den Ausschluss von Mitgliedern erschweren. Auch den Fraktionsvorsitzenden im rheinland-pfälzischen Landtag Junge nimmt Meuthen gekonnt in Schutz. Junges Hoffnung auf einen „Aufstand der Generäle“ sei nur als Kritik an der Inkompetenz auf der Führungsebene der Bundeswehr zu verstehen. Koll scheinen die Formeln vom „Bürger in Uniform“ und der „Inneren Führung“ nicht gegenwärtig zu sein, so dass auch dieser Punkt an Meuthen geht, der mit seinem „kritischen Journalisten“ nach Belieben Schlitten fährt.

„Davon geht die Welt nicht unter“ - oder doch?

Was Theo Koll als Dokumente politischer Hässlichkeit mit an die Ostsee genommen hat, gereicht dem AfD-Vorsitzenden zu einem zweiten Preis in einem Schönheitswettbewerb. Meuthen behauptet scheinheilig, ihm sei jeder Extremismus abhold. Dass sein eigener Kreisverband ihn nicht als Delegierten zum nächsten Bundesparteitag der AfD schickt, er dort als Johann ohne Land auftritt, wird von Meuthen geschickt umgangen, indem er auf johlende Ovationen bei anderer Gelegenheit verweist.

Koll hätte sich mal besser das Interview angesehen, das Thomas Walde im vergangenen Jahr mit Meuthens Kollegen Alexander Gauland geführt hat. Auf jede Ausflucht folgte eine schärfere Nachfrage Waldes, so dass am Ende Gauland mit abgesägten Hosen dasaß. Meuthen dagegen antwortet auf Kolls Frage nach der Rentenpolitik der AfD mit einer Generalkritik an allen anderen Parteien, und so ganz nebenbei sagt er, er trete für eine steuerfinanzierte Rente ein, worauf Koll nicht einmal mit der gebotenen Fassungslosigkeit (oder Kenntnis der aktuellen Haushaltszahlen) nachfragt.

Schließlich gibt Koll Meuthen zum Thema Klimaschutz Gelegenheit, eine Garantieerklärung abzugeben: „Es gibt keinen Weltuntergang, das garantier' ich Ihnen.“ Das klingt so, als sänge Zarah Leander für das ZDFdavon geht die Welt nicht unter“.

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