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TV-Kritik: „Wetten, dass..?“ : Von einem Fettnäpfchen ins andere stolpern

  • -Aktualisiert am

Ei, ei, ei, ein Hirschgeweih: Markus Lanz mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst (rechts) und dem Wettkandidaten Konrad Kolb in der Sendung vom Samstagabend. Bild: dpa

So wenige Zuschauer wie nie zuvor kann „Wetten, dass..?“ noch an sich binden. Aufs Neue hoffnungslos überfordert war der Moderator Markus Lanz. Das Ende des Unterhaltungs-Klassikers scheint nahe.

          Wenn die große Welt bei „Wetten, dass..?“ vorbeischaut, ergeben sich zuweilen unschuldige Momente von schlichter Wahrheit. Als Dreiviertel der Show, die dieses Mal aus Düsseldorf kam, vorüber war, rückte der Moderator Markus Lanz dem amerikanischen Sänger Pharell Williams zu Leibe. „Du weißt schon, wo du bist?“ fragte Lanz den Gast. Ja, sagte Williams, „ und wie viele Leute schauen denn zu?“ Die kommenden Sekunden mögen sich für Lanz endlos gedehnt haben, wurde er doch gerade zum Offenbarungseid gezwungen. „Sechs, sieben“, kurze Pause, „acht Millionen“.

          Williams griff die hoffnungsvollste Zahl, für die man sich vor zwei Jahren noch geschämt hätte, auf: „Wow, acht Millionen, denen sollte man aber eine tolle Show bieten.“ Dann spulte er zum vorzeitig einsetzenden Playback seinen augenblicklichen Welthit „Happy“ab, zu dem der neunjährige Kinder-Wettkandidat Leandro spontan seine „Moves“ zeigte.

          Dass es Markus Lanz schaffte, auch diese Situation in Peinlichkeit aufzulösen, indem er verriet, dass der kleine Junge den großen Star eigentlich gar nicht kannte, war symptomatisch für die ganze Sendung. Ein bisschen war die Ausgabe in Düsseldorf, indem die Geschichte von „Wetten, dass..?“ einst begann, wie ein öffentliches Casting für die Lanz-Nachfolge.

          Welch ein Marketing-Erfolg für Pro Sieben!

          Der Problembär des ZDF begrüßte in der Manege die Dompteure Joko und Klaas, Judith Rakers und Christoph Maria Herbst (Stromberg), allesamt von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz (Rakers) oder vom Privatsender Pro Sieben, dessen Marketing- Abteilung gestern Abend einen großen Auswärtserfolg feiern konnte. So viel kostenlose Werbung zur besten Sendezeit im ZDF bekommt man ja nicht alle Tage. Zumal sich die „Halligalli“-Moderatoren-Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, groß geworden bei den Öffentlich-Rechtlichen, in bester Form präsentierten, während Markus Lanz von einem Fettnäpfchen ins nächste tapste.

          Man weiß auch nicht, warum niemand beim ZDF in der Lage ist, dem „Wetten, dass..?“-Moderator jenes entscheidende Showgeheimnis zu verraten, das Rudi Carrell einmal so auf den Punkt brachte: „Amüsiere dich nie auf Kosten deiner Gäste, mach' dich selbst zum Narren.“ Stattdessen versuchte sich Lanz zu Lasten von Klaas Heufer-Umlauf lustig zu machen, der zum Einlösen seiner Wettschuld mit freiem Oberkörper und einer Axt für einen Feuerwehrkalender posieren musste.

          Heufer-Umlauf trug und ertrug die Szene mit Würde, zusammen mit Joko Winterscheidt gab er in souveränem Unernst eine Teil-Vorstellung von „Szenen einer Ehe“, die tatsächlich tragfähig sein könnte für die Zukunft von „Wetten, dass..?“. Warum nicht im Zusammenspiel mit Judith Rakers, die zwar noch etwas hölzern erzählt, dass man als Tagesschau-Sprecherin immer nur einen Teil des Textes auf dem Teleprompter sieht und nie den ganzen Satz, aber doch erkennbar mehr Glamour und Selbstironie mitbringt als der aktuelle Moderator.

          Auch die Außenwette ging verloren

          Wobei das Lanz-Bashing inzwischen bereits überflüssig ist. Auch den Verantwortlichen am Mainzer Lerchenberg ist klar, dass man mit Lanz einen gewaltigen Fehlgriff getan hat. Doch wie man aus der Sache wieder rauskommt, ohne dass es eine „Wahnsinnsgeschichte“ wird - um im Lanz-Deutsch zu bleiben -, ist allen wohl noch schleierhaft. Eine Einstellung der Sendung wäre wohl die Konsequenz, es sei denn der Moderator träte aus freien Stücken den Rückzug an. Denn Markus Lanz ist ja keineswegs immer schlecht: In seiner spätabendlichen Talkshow entlockt er manchem Zeitgenossen durchaus Bemerkenswertes. Allerdings sind ihm die „Wetten, dass..?“-Schuhe ein paar Nummern zu groß.

          Für den gebürtigen Südtiroler Lanz ist es sichtlich schon eine Wohltat, einem österreichischen Jagdaufseher dabei zuhören zu dürfen, wie dieser die Stangen seiner fünfundvierzig Revierhirsche nach Herkunft und Alter erklärt. Vielleicht hätte er besser seiner eigenen Anmoderation zum Auftritt von Udo Jürgens zuhören sollen: Jürgens sei „erfolgreich, ohne sich anzubiedern und sich gemein zu machen“, sagte Lanz da über den mittlerweile Neunundsiebzigjährigen, mit dem er schließlich noch vierhändig „Aber bitte mit Sahne“ anstimmte.

          Vorher hatte Udo Jürgens noch erzählt, dass ihn Angela Merkel persönlich zum Konzert vor dem Brandenburger Tor eingeladen habe („Wer kann da schon nein sagen?“) und wie Otto Waalkes danach hinter der Bühne geweint habe. Wie viele Tränen in Düsseldorf hinter den Kulissen flossen, weil die von Janine Kunze und Frank Buschmann moderierte Außenwette einem Offenbarungseid gleichkam, wissen wir nicht. Aber dass „Wetten, dass..?“ inzwischen nicht einmal mehr so viele Menschen mobilisieren kann, um eine Karnevalstruppe von einer Tonne Gewicht mit Bonbons aufzuwiegen, spricht Bände. 

          Aber wen interessiert das überhaupt noch? Es waren gestern Abend nicht sechs, nicht sieben und schon gar nicht acht Millionen Zuschauer, es waren 5,85 Millionen, so wenige wie nie.

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