https://www.faz.net/-gqz-7w4k2

TV-Kritik: „Wetten, dass..?“ : Der Warnschuss vor dem großen Knall

  • -Aktualisiert am

„Wetten, dass..?“ in Graz: Markus Lanz mit Mirjam Weichselbraun und Sänger Andreas Gabalier Bild: dpa

Die Tage von „Wetten, dass..?“ sind gezählt. Noch eine letzte Sendung im Dezember, und dann ist nach 33 Jahren Schluss. In Graz zeigte sich, dass es wohl besser so ist - für alle Beteiligten.

          Es war eine bezeichnende Momentaufnahme für die Notlage der Sendung und des ZDF, als der erste Wettkandidat mit dem Gesäß in der Luft und dem Gesicht nach unten in den Sicherungsseilen hing. Insgesamt wirkte die 214. Folge von „Wetten, dass..?“ wie die Geburtstagsfeier eines alternden Patriarchen, um den sich die zerstrittene Verwandtschaft versammelt hat und jetzt mit allen Mitteln versucht, eine glückliche Familie zu mimen. Nur wussten alle im Falle von „Wetten, dass..?“, dass die Tage der einstmals erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsshow gezählt sind. Und Moderator Markus Lanz wirkte immer noch wie der Sidekick in seiner eigenen Sendung.

          Publikumsnah wie das ZDF nun einmal ist, lag es bei der Ausstrahlung aus Graz nahe, die Show mit jemandem aus der Steiermark zu eröffnen. Ausgewählt hatte man den, Zitat, „Frank Sinatra der Steiermark“, Andreas Gabalier, der seinen Erfolgstitel „A Liad für di“ intonierte und dabei – ein echter Überaschungseffekt – von Markus Lanz, der in der Sendung sonst eher durch Liegestützten auf sich aufmerksam gemacht hatte, am Flügel begleitet wurde.

          Die Stadtwette dann wurde durch ein aus Australien stammendes Internetphänomen inspiriert und griff den in verschiedenen Online-Communities populär gewordenen Themenmonat „Movember“ auf – ein Kofferwort, das sich aus dem englischen „moustache“ (Schnurrbart) und dem oft besungenen Regenmonat zusammensetzt. Im „Movember“ also ist es angesagt, sich einen Schnurrbart stehen zu lassen, um auf die Gefahren von Prostatakrebs und die Segnungen einer rechtzeitigen Frühuntersuchung aufmerksam zu machen. Da sich genügend Menschen auf dem Grazer Hauptplatz versammelten, um Andreas Gabalier auf eine Bühne zu „stage-diven“, also auf Händen zu tragen, muss sich Markus Lanz bis zur nächsten Sendung im Dezember einen Schnurrbart stehen lassen. Frei nach dem Motto: Es muss zuerst einmal ein Bart da sein, um ihn anschließend abzunehmen.

          Die Gäste und die Lederhose

          Auch wenn der eigentlich Star der Sendung offenbar Markus Lanz‘ Lederhose sein sollte, über die er mit jedem Gast zu sprechen begehrte, hatte sich wie immer die übliche Mischung aus lokalen und internationalen Berühmtheiten versammelt: Neben Andreas Gabalier nahmen Mirjam Weichselbraun und Conchita Wurst (der Bart als Leitmotiv) aus Österreich auf der großen Couch Platz, das Model Toni Garrn, Iris Berben, Herbert Grönemeyer und Eckart von Hirschhausen setzten sich als deutsche Vertreter dazu, die Boyband One Direction und Hugh Grant waren von jenseits des Ärmelkanals angereist. Liam Hemsworth und Jennifer Lawrence waren aus Australien und den Vereinigten Staaten gekommen, um für ihren neuen Film, „Die Tribute von Panem 3“ zu werben.

          Qualitätsverluste gab es nicht nur wegen der vergleichsweise hohen Krankenrate – Jennifer Lawrence und ein Mitglied von One Direction waren gesundheitlich angeschlagen –, sondern auch weil es in Sachen Humor und Gesprächskultur wieder aml nicht so recht klappen wollte. Vor allem Eckart von Hirschhausen musste als Arzt unter Kranken öfter für Pointen herhalten, als es für das Allgemeinwohl gut war. Es war nicht angenehm zu sehen, wie nachhaltig sich „Wetten, dass..?“ zur Krampfader des ZDF entwickelt hat. Zuweilen ging es wie beim Flaschendrehen unter Teenagern zu. So  wollte Lanz von Jennifer Lawrence wissen, wie es war, die anderen beiden Hauptdarsteller aus „Die Tribute von Panem 3“ zu küssen. Und Liam Hemsworth, dessen Mutter als Lehrerin arbeitet, fragte er, wie es sich anfühlte, von seiner eigenen Mutter Aufklärungsunterricht zu bekommen.

          Bizarres, deutsches Spektakel

          Nachdem sich Schauspieler Will Arnett kürzlich in der amerikanischen Late-Night-Show „Jimmy Kimmel Live!“ sehr verwirrt von diesem bizarren deutschen Spektakel namens „Wetten, dass..?“ gezeigt hatte, in dem er im Oktober zu Gast gewesen war, kam der Frage, wie es Jennifer Lawrence in Deutschland gefalle, besonderes Gewicht zu. Arnett hatte bei Jimmy Kimmel gescherzt, er glaube, den Namen „Wetten, dass..?“ könne man im Englischen in eine vulgäre Variante von „Was zum Teufel?“ übersetzen. Jennifer Lawrence aber antwortete brav, dass es ihr ganz gut gefiele, sie hätte ja auch schon in Deutschland gedreht.

          Dabei war „Wetten dass..?“ auch dieses Mal fad, verhalten und uninspiriert. Und doch: Es war nicht alles schlecht. Ein erfolgreich über die Bühne gebrachter Heiratsantrag war zu sehen. „Schatz, es wird Zeit, dass wir heiraten“, fuhr Wettkandidat Milan Zivojinovic das Ding zielstrebig nach Hause, nachdem er zuvor zehn Salatgurken durch das Werfen von Spielkarten zerteilt hatte. Unfreiwillig komisch war, dass es aus Markus Lanz' Sicht offenbar für ein Menschenleben nicht genügt, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen – jeder sollte auch zumindest einmal im Leben Hugh Grant die Hand geschüttelt haben. Das legte er dann auch jedem Wettkandidaten nahe, was dazu führte, dass der für seine Zurückhaltung bekannte britische Schauspieler immer wieder mit ausgestrecktem Arm von der Couch aufspringen musste.

          Wettkönig wurde ein 22 Jahre alter Student aus Würzburg, der sich die Reihenfolge von 30 Bildern gemerkt und innerhalb von 2 Minuten in einem Wasserbassin nachsortiert hatte. Die Wetten waren skurril, wie man es von der Sendung gewohnt ist. Aber in den vergangenen 33 Jahren hat man schon vieles dergleichen gesehen, und wenn man ehrlich ist, geht es in „Wetten, dass..?“ schon lange nicht mehr um die Wetten. Doch worum geht es dann? Darum, das Scheitern ertragen zu lernen? Ein würdiges Ende jedenfalls sieht anders aus. Und wenn Markus Lanz in der letzten Sendung seinen Wetteinsatz einlöst, wird „Wetten, dass…“ wohl als jene Sendung in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen, die von ihrem Moderator mit einem Schnäuzer über dem Mona-Lisa-Lächeln beendet wurde.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.