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TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

  • -Aktualisiert am

Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview. Bild: dpa

In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP, vertreten durch Christian Lindner, kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Wie kommt es, dass die beiden großen Sendeanstalten mit ihren erstaunlichen Ressourcen nicht in der Lage sind, ihre rhetorisch ausgeschlafenen Gäste mit Daten und Fakten zu konfrontieren? Falsche Behauptungen werden hingenommen, weil den Interviewern Kenntnisse fehlen oder der Ohrknopf der Regie stumm bleibt.

          So konnte Christian Lindner im ZDF unwidersprochen behaupten, die Einführung des Katalysators sei der FDP zu verdanken. Das ist falsch. Tatsächlich war es der ehemalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), der das Gesetz 1984 durchsetzte, 1989 war der Katalysator dann Pflicht. Dass die deutsche Automobilindustrie ihre Autos für den kalifornischen Markt schon ab Mitte der 70er Jahre selbstverständlich mit Katalysator auslieferte, ungereinigte Abgase in Deutschland aber noch fünfzehn Jahre für zumutbar hielt, hat eher mit ziemlich falsch verstandenen wirtschaftlichen Interessen zu tun.

          Erst einmal aber durfte Dietmar Bartsch auf dem Präsentierteller der ARD über der Spree eine Pirouette nach der anderen über die Stärke der Linken tanzen, ohne dass der stellvertretende Hauptstadtstudioleiter Oliver Köhr ernsthaft auf Probleme der Linken einging. Die Bundespartei ist an Haupt und Gliedern heillos zerstritten. An diesem Sachverhalt ändert auch der Rückzug von Sahra Wagenknecht kaum etwas. Dietmar Bartsch nutzte das Sommerinterview für einen fast 20 Minuten langen Werbefilm. Bei der Doppelspitze in der Fraktion bleibe es. Den Streit wolle er entlang von Sachthemen beheben. Am Horizont sehe er das Jahrhundert des demokratischen Sozialismus kommen. Wer sich mit dieser Perspektive vor Augen weiter streiten wolle, sei kleinkariert.

          Weltmeister im Wunschdenken

          Im Vergleich zum Ergebnis bei der Bundestagswahl hat die Linke sich bei der Europawahl fast wieder halbiert. Bartsch ficht das nicht an, Markenkern der Linken sei soziale Gerechtigkeit. Der Großen Koalition wirft Bartsch vor, sie verfehle die Herausforderungen, die Bundeskanzlerin sitze nur noch Probleme aus. Das klingt alles ein wenig nach Prosa aus dem Jahr 1997, als ein anderer Serenissimus auf das Ende seiner politischen Karriere zusteuerte. Bartsch scheint Weltmeister im Wunschdenken zu sein. Er dramatisiert die Weltlage vielleicht sogar zurecht. Nur welchen Beitrag leisten Bilder von Kindern, die auf Müllhalden nach Essbarem suchen, für die innenpolitische Debatte in Deutschland? Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit – so viel Ehre kann man der CSU zollen – hat solche Themen im Blick.

          Bartsch will die soziale Frage zur zentralen machen, was angesichts des schrumpfenden Sockels der Linken auch deshalb etwas vermessen klingt, weil die politische Konkurrenz die Brisanz der Lage erkannt hat. Die Konzerne, behauptet Barsch, hätten Verantwortung für den Status quo. Was das denn genau heißt und wie sich diese Verantwortung genauer beschreiben ließe, ist dem Interviewer keine Nachfrage wert. Wasch ihm den Pelz, aber mach ihn nicht nass, scheint Köhrs Perspektive zu sein, Bartsch will die Klassenfrage wieder stellen. Das klingt wie eine Schellackplatte von 1929.

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