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TV-Kritik: ZDF-Schlagabtausch : Phrasendreschen vor der Europawahl

  • -Aktualisiert am

Spitzenkandidaten für die Europawahl: Nicola Beer (FDP), Ska Keller (Bündnis 90/Die Grünen), Özlem Demirel (Die Linke), Jörg Meuthen (AfD) Bild: dpa

Erst treffen Frans Timmermans und Manfred Weber aufeinander, später vier deutsche Spitzenkandidaten anderer Parteien. Das ZDF verspricht Kampfsport (ein Duell, einen Schlagabtausch), tatsächlich gibt es ein gepflegtes Parlando und einen Wettbewerb im Schnellreden.

          TV-Sendungen kurz vor einer Wahl erfüllen eine Pflicht, und das leider zu oft phantasielos, vorhersagbar und langweilig. Mit Frans Timmermans und Manfred Weber treffen sich im Duell Vertreter zweier Welten: ein weltläufiger politischer Manager und ein sympathischer ehrgeiziger Hilfsreferent. Wie sie sich aufeinander beziehen und voneinander abgrenzen, zeigt ein Maß von Routine, das Peter Frey und Ingrid Thrunher bei ihren Fragen gründlicher bedenken müssten, um etwas Überraschendes herauszubekommen. Das findet nicht statt.

          Weber strahlt devote Beflissenheit aus, wirkt wie einer, der nichts falsch machen darf, Timmermans wie ein kampferfahrener Routinier des politischen Managements. Der eine läuft auf dem Filz abgegriffener Floskeln durch vermintes Gelände („Prüfstand“, „Chefsache“, „Die EU muss erwachsen werden“). Der andere zeigt, dass er, wenn es nötig ist, auch boxen kann. Der eine predigt Prinzipien, der andere benennt Probleme und Institutionen, die etwas umsetzen. Angesichts der Marktlage wirkt es verschroben, dass Europa dem Internet den Stempel aufdrücken soll, wie Weber anregt. Was wird der europäische Stempel dem Internet vorschreiben? Öffnungszeiten?

          Zum Kopftuchverbot an österreichischen Grundschulen sagt Weber, Gesicht zeigen gehöre zu unserer Kultur. Für Timmermans ist das bloß Symbolpolitik. Wie viele Mädchen betreffe das Verbot? Völlig absurd die Frage an Timmermans, ob er sich von englischen Labourabgeordneten zum Kommissionspräsidenten wählen lasse. Sie werden am 26. Mai gewählt und sind bis zum rechtskräftigen Austritt des Vereinigten Königreichs stimmberechtigte Abgeordnete. Gibt es daran begründete Zweifel?

          Stoppuhrdompteur

          Eine halbe Stunde später stehen drei Spitzenkandidatinnen und ein Kandidat vor dem Stoppuhr-Dompteur Matthias Fornoff und müssen zeigen, dass sie verständliches Schnellsprechen beherrschen: Nicola Beer (FDP), Ska Keller (Grüne), Özlem Demirel (Linke) und Jörg Meuthen (AfD). Es ist kein Schönheitswettbewerb, auch kein Gespräch, eher ein Repetitorium, bei dem die Gäste zeigen müssen, ob sie ihre Partei halbwegs würdig vertreten.

          Warum wählen? Die Frage zielt auf die niedrige Beteiligung an Europa-Wahlen. Keller macht glaubhaft, dass bei strittigen Themen Entscheidungen im Europäischen Parlament nur mit knappster Mehrheit durchkommen. Jede Stimme zähle. Meuthen will die EU in ihrer heutigen Verfassung schrumpfen und ist für ein Europa der Vaterländer. Frau Demirel ist gegen Lohn- und Steuerdumping, wenngleich das Themen sind, die nicht im EP behandelt werden. Frau Beer wirbt für eine Modernisierungsallianz nach zu langem Stillstand durch die Große Koalition.

          Sie sitzen vor Dompteur Fornoff wie eine Reisegesellschaft in einer Poststation aus dem vorletzten Jahrhundert vor dem Pferdewechsel. Der Zufall hat sie zusammengeführt. Sich selbst haben sie kaum etwas zu sagen. Etwas befremdet wirken sie manchmal, wenn Meuthen sich in Rage redet oder die Linke Demirel zu viel in einen Topf wirft. Bei Beer ist in Zeitlupe ein Phänomen zu beobachten, das auch die TV-Auftritte ihres Parteichefs kennzeichnet: Sie liebt griffig klingende Abstraktionen. Wenn sie nur schnell genug ausgesprochen werden, droht keine Rückfrage. Wegen der knappen Zeit unterbleibt das, zu viel wird reingepfropft, zu wenig Ertrag in Kauf genommen.

          Steilvorlage für Meuthen

          Bringt die Migration Europa in Gefahr? Die Frage ist absurd, aber eine willkommene Steilvorlage für Meuthen. Kein Wunder, dass er bei der neben ihm sitzenden  Demirel keine Sympathie findet. Sie will Fluchtursachen bekämpfen, nennt auch einige hinlänglich bekannte europäische Agrarexporte, die die Lebensgrundlage afrikanischer Bauern zunichte machen.

          Keller ist auf die Herausforderung des Formats am besten vorbereitet. Sie kommt gar nicht auf die Idee, zu viel oder zu schnell zu sprechen. Bei ihr ist es eher der Eindruck, dass wichtiger ist, wie sie spricht, als was sie sagt.

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