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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Putins Zynismus versus Trumps Twitter-Wahn

  • -Aktualisiert am

Putin oder Trump - wer bereitet uns mehr Sorgen? Die Antwort bei Sandra Maischberger fällt überraschend aus. Bild: © WDR/Melanie Grande

Sandra Maischberger diskutiert die Reaktion der Europäer auf Wladimir Putin und Donald Trump. Bislang ist allerdings vor allem deren Hilflosigkeit zu spüren.

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          Geschichtliche Ereignisse werden bisweilen zu Mythen. Deren historischen Bedingungen verschwinden aus dem Gedächtnis der Menschen. Übrig bleiben die Versatzstücke aus der scheinbar guten alten Zeit. So geschah es gestern Abend in der Sendung von Sandra Maischberger mit der Entspannungspolitik.

          Sie könnte heute noch ein Vorbild sein für die Beziehungen zu Russland. Diese These vertraten jedenfalls Gabriele Krone-Schmalz, frühere Russland-Korrespondentin der ARD, und Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken. Es fielen die entsprechenden Stichworte, wie „vertrauensbildende Maßnahmen“ oder „Wandel durch Annäherung.“ Beide verwahrten sich berechtigterweise gegen den Vorwurf einer einseitigen Parteinahme zugunsten Russlands.

          Wer, wie Frau Krone-Schmalz, die Interessen Russlands berücksichtigt, wird deshalb nicht gleich zum Büttel Putins. Das ist die Grundlage jeder rationalen Außenpolitik. Der Irrtum ist woanders zu finden. Die Entspannungspolitik hatte nämlich zwei Voraussetzungen. Den Umgang mit der damals sogenannten „deutschen Frage“ zu klären. Und damit zugleich den seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs existierenden Status quo in Europa anzuerkennen. Vor allem die Sowjetunion hatte an dieser Anerkennung durch das zur ökonomischen Großmacht aufgestiegene Westdeutschland ein fundamentales Interesse. Sie ahnte nicht die List der Geschichte, damit zugleich die Grundlage für ihren eigenen Untergang gelegt zu haben.

          Rückkehr zu einer Politik der Eindämmung?

          Für diese Entspannungspolitik fehlen heute schlicht die Voraussetzungen. Das ist der Irrtum dieser These. Ein Status quo, den ein Entspannungspolitiker anerkennen könnte, ist nicht in Sicht. Vielmehr wurde in der gestrigen Sendung deutlich, warum uns im Gegenteil alle Gewissheiten verloren zu gehen drohen. Sie hatte den bezeichnenden Titel: „Trump oder Putin: Vor wem müssen wir mehr Angst haben?“ Diese Gleichsetzung eines amerikanischen Präsidenten mit einem sowjetischen KPdSU-Generalsekretär hätte im Jahr 1970 niemand in Deutschland vollzogen, natürlich auch nicht die Satrapen Moskaus in Ostberlin. Besorgnis hatte man lediglich in Washington, wo einige Herren Egon Bahr als den Architekten der deutschen Ostpolitik für einen verkappten Nationalisten hielten.

          Solche Vorbehalte sind bei Frau Krone-Schmalz und Frau Wagenknecht wohl nicht zu erwarten. Entsprechend sah der britische Politikwissenschaftler Anthony Glees darin jenen deutschen Hang zu einer romantischen Sicht auf der Welt, die schon immer mit einer gewissen Weltfremdheit verbunden war. Nur ist diese Kritik in diesem Fall nicht überzeugend. Das eigentliche Problem wurde vielmehr in den unterschiedlichen Sichtweisen auf die russische Politik deutlich. Udo Lielischkies, Moskau-Korrespondent der ARD, und Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU, sahen die gegenwärtige russische Politik vor allem in der innenpolitischen Schwäche des gegenwärtigen Regimes begründet. Der gerade wiedergewählte Präsident Wladimir Putin braucht die Abgrenzung vom Westen zur Legitimation der eigenen Herrschaft, so diese Argumentation.

          Die Differenz zu Krone-Schmalz und Wagenknecht ist hier zu finden. Letztere sehen Russland als einen rationalen Akteur, der wie die Sowjetunion zur Zeit der Ostverträge einen Interessenausgleich anstrebt. Lielischkies und Brok betrachten dagegen das heutige Russland als einen Akteur, dessen rationales Interesse geradezu die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Spannungsverhältnisses sein muss. In der Logik des Kalten Kriegs bedeutete das die Rückkehr zu einer Politik der Eindämmung.

          Diese Sichtweise erinnert übrigens verblüffend an die Argumentation in einem „langen Telegramm“, die ein gewisser George Kennan im Februar 1946 über Stalins Sowjetunion formulierte. Es ist allerdings zu befürchten, dass sich daran sogar im Außenministerium in Washington niemand mehr erinnert. Dafür twittert aber immerhin der Präsident.

          Entsprechend unterschiedlich fiel die Beurteilung des jüngsten Mordanschlags auf den früheren russischen Agenten Sergei Skripal im englischen Salisbury aus. Glees versuchte deutlich zu machen, warum die britische Premierministerin Theresa May so entschieden gegenüber Moskau reagieren musste. Es sei schließlich nicht der erste Anschlag auf russische Überläufer und Dissidenten, zudem sei die Beweislage für eine russische Beteiligung erdrückend.

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