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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Wir Voyeure

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Solche Abstürze haben für Flugzeughersteller, Fluggesellschaften und Aufsichtsbehörden unter Umständen somit existentielle Konsequenzen. Entsprechend vorsichtig reagieren sie auf solche Ereignisse, wie am Beispiel von Bernd Gans deutlich wurde. Seine Tochter war 2009 bei einem Absturz eines Airbus der Air France gestorben. Bis heute ist er nicht davon überzeugt, was die französischen Untersuchungsbehörden in ihrem Absturzbericht als Unfallursache feststellten: Es habe sich um einen Pilotenfehler gehandelt. Während die Medien mit den Voyeuren vor den Bildschirmen munter auf Grundlage ihres Nicht-Wissens spekulieren, sind die am Unfall direkt Beteiligten schon längst damit beschäftigt, das voreilige Ziehen von Schlussfolgerungen zu verhindern. Allerdings im eigenen Interesse.

Airbus-Philosophie

Insofern war es durchaus konsequent, wenn der Pressesprecher der Pilotengewerkschaft Cockpit, Jörg Handwerg, auf die bisherigen „Designfehler“ in der Airbus-Philosophie hingewiesen hatte. Diese versuche, den Piloten als mögliche Fehlerquelle auszuschalten. Die Konsequenz ist das weitgehend automatisierte Fliegen. Nur könnten dann Situationen auftreten, die die Ingenieure bei Airbus nicht vorhergesehen hätten. Etwa wenn Sensoren den Computern falsche Daten lieferten, die den Piloten anschließend in völlige Verwirrung mit unter Umständen katastrophalen Folgen stürzten.

Trotzdem werden am Ende immer Piloten für das Geschehen verantwortlich gemacht, sagte Handwerg. Selbst wenn sie im Cockpit von den Maschinen schon weitgehend entmachtet worden sind. Dass Handwerg den Optimismus des Luftfahrtunternehmers Laudas über die Sicherheit im europäischen Luftverkehr nicht in gleicher Weise teilen wollte, ergab sich dann fast schon von selbst.

Mediale Dauerschleife

So wurden bei Frau Maischberger Fragen geklärt, die allerdings nur ein Problem hatten: Sie hatten mit dem Absturz von gestern nichts zu tun. Man weiß ja nichts, wie Lauda feststellte. Insofern ist es völlig irrelevant, was es bisher an Erfahrungen mit anderen Abstürzen gegeben hat. Eigentlich verbietet sich damit jede weitere Diskussion über das Thema, solange man keine belastbaren Erkenntnisse hat. Aber die Medien werden trotzdem darüber berichten, selbst wenn sie nur die eigene Phantasie und die der Zuschauer bedienen können. Sie haben unter dem Konkurrenzdruck schlicht keine andere Wahl als in einer Dauerschleife auf die Bedürfnisse von uns Voyeuren zu reagieren. Wir wollen nämlich die Erklärungen für eines der schwersten Unglücke in der deutschen Luftfahrtgeschichte bekommen, die aber niemand nach noch nicht einmal 24 Stunden haben kann. 

Den Angehörigen der Opfer wird das alles nichts nutzen, auch wenn ihnen von allen Seiten Anteilnahme ausgedrückt wird. Sie werden statt mit der von Frau Jatzko geforderten Erklärung nur mit allen möglichen Phantasien konfrontiert, was in den französischen Alpen passiert sein könnte. In Deutschland sind im vergangenen Dezember 299 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Das sind zumeist nur 299 Meldungen in der Regionalpresse. Aber den Angehörigen dieser Opfer bleibt eines erspart: Durch die Berichterstattung traumatisiert zu werden. Sie lässt man nämlich in Ruhe bei dem Versuch, mit einem schweren Schicksal fertig werden zu müssen.

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