https://www.faz.net/-gqz-94skc

TV-Kritik: Sandra Maischberger : Nur nicht einschüchtern lassen

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste in der Jahresrückblick-Sendung am Mittwochabend. Bild: WDR/Max Kohr

Das Jahr 2017 kann wohl nicht so schlimm gewesen sein – jedenfalls wenn Olivia Jones und Sophia Thomalla darüber Auskunft geben dürfen. Wenigstens gilt das für Deutschland. In der Türkei sieht das anders aus. Droht Günter Wallraff dort die Verhaftung?

          4 Min.

          „Ist es nicht das Hauptproblem, dass wir über nichts mehr streiten?“, so war es bei Frau Maischberger im Jahresrückblick zu hören. Allerdings nicht in dem von gestern, sondern vor fast genau vier Jahren. Der Historiker Arnulf Baring beschrieb die Stimmung in Deutschland, den die gerade erst grandios wiedergewählte Kanzlerin verkörperte. Es galt, jeder Kontroverse aus dem Weg zu gehen, die eine politische Lagerbildung über den zukünftigen Kurs ermöglicht hätte. Alles für möglich zu halten, aber auch das Gegenteil, und das bei der Kanzlerin selbst, prägte das Selbstverständnis der deutschen Politik. „Spiegel“- Autor Markus Feldenkirchen hat diese Mentalität an dem Verfahren deutlich gemacht, das kurz vor der diesjährigen Sommerpause zur „Ehe für alle“ führte. „So wenig Position und Haltung in einer gesellschaftlich so relevanten Debatte„, so sein Vorwurf an die Kanzlerin.

          Manche seiner Kollegen hielten das allerdings für einen besonders geschickten Schachzug. Der Kanzlerin sollte das in der Bundestagswahl nicht helfen, ihrem sozialdemokratischen Koalitionspartner noch weniger. Das Hauptproblem war der von Baring noch vor vier Jahren vermisste Streit geworden. Vor allem aber die Frage, wie damit umzugehen ist. Mittlerweile ist der linksliberale Mainstream in gesellschaftspolitischen Fragen zur herrschenden Meinung geworden. Die Anpassung der Gesetzgebung an den Zeitgeist reicht ihm aber nicht.

          Ein Grund für diese Impertinenz

          Er kann es offensichtlich nicht ertragen, dass es immer noch Menschen gibt, die seine Überzeugungen nicht teilen. Für diese Impertinenz gibt es einen Grund. In der Union hatten die Positionen der Konservativen ihre Legitimationsgrundlage gefunden. Mittlerweile ist sie ein politisches Neutrum, ohne jede Bedeutung für gesellschaftspolitische Konfikte. Damit fehlt dem linksliberalen Mainstream aber der Kontrahent, den er noch als legitim anerkennen muss. Die Lücke füllen zwar die Schmuddelkinder der AfD, aber die gelten als nicht satisfaktionsfähig.

          So war dieser Jahresrückblick nicht deshalb informativ, weil er Erkenntnisse über das abgelaufene Jahr vermittelte. Das war recht konventionell geraten. Interessanter waren schon die Gäste, um die gesellschaftspolitischen Kontroversen des vergangenen Jahres abzubilden. Es handelte sich etwa um die beiden Unterhaltungskünstlerinnen Olivia Jones und Sophia Thomalla. Frau Jones repräsentierte den Mainstream beim Thema „Ehe für alle“, während Frau Thomalla für ihre kritischen Einlassungen zur #metoo Debatte eingeladen worden war. Beide erfüllten brav die in sie gesetzten Erwartungen. In Wirklichkeit gleichen sich die beiden Frauen, wie ein Ei dem anderen.

          Frau Jones und Frau Thomalla sind die Protagonisten einer auf Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung orientierten Gesellschaft. Da ist das provokative Statement genauso Teil der Inszenierung, wie die Kostümierung im schrillen Outfit. Ob Frau Jones in ihrem Hamburger Lokal ein Schild aufhängt, wo die Herren Trump, Erdogan und Putin als unerwünscht deklariert werden. Oder sich Frau Thomalla lasziv an ein Kreuz hängt, um Werbung für den Erwerb spanischer Lotterielose zu machen. Egal, was beide sagen oder machen, es bleibt ein Unterhaltungsformat.  Frau Thomalla wies deshalb sicherlich vor der Sendung via dem Kurznachrichtendienst Twitter auf die eigentliche Herausforderung ihres Auftritts hin: „Wenn die liebe Olivia Jones auch in der Runde sitzt, muss man farblich auftrumpfen.“ Frau Thomalla wählte rosa in Verbindung mit orangenen High Heels. So verkörpern sie gemeinsam die Infantilisierung des gesellschaftspolitischen Diskurses.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Desinfektionskommando in Schutzanzügen in Peking am 15. Februar 2020.

          China und die Corona-Epidemie : Kontrollwahn und Paranoia

          Chinas Kommunistische Partei geht gegen die Corona-Epidemie vor wie gegen politische Gegner. Das Wir-Gefühl, das sie ständig beschwört, entsteht jedoch gerade in Abgrenzung von den rigiden – und oftmals paranoiden – Maßnahmen.
          Jetzt wird’s ernst, und wer auf frischer Tat ertappt wird, kommt aus dem Schlamassel kaum heraus.

          So wehrt man sich : Wie Sie Bußgelder vermeiden

          Wie man sich am besten gegen Vorwürfe wehrt, man sei zu schnell gewesen, habe keinen Abstand gehalten oder sei bei Rot über die Ampel. Nur wer in flagranti erwischt wird, hat wenig Chancen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.