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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Maischbergers Gleichgültigkeit

  • -Aktualisiert am

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zu Gast bei Sandra Maischberger: Politik als Kaffeeklatsch Bild: © by WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger lädt die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zum Soloauftritt ein. Was dabei rauskommt ist erschreckend.

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          Ältere Damen und Herren erinnern sich noch an einen Schlachtruf längst vergangener Zeiten. „Das Private ist politisch“, so hieß es damals. Dieser Ansatz hatte vor allem für den Feminismus eine hohe Durchschlagskraft. Er thematisierte in Wirklichkeit den Einfluss der Politik auf das Leben von Menschen. Dafür gab es unzählige Beispiele. So waren Frauen den Männern in der Ehe zivilrechtlich untergeordnet. Der Paragraph 218 StGB kriminalisierte den Schwangerschaftsabbruch und trieb jedes Jahr zehntausende Frauen in die Hände von Kurpfuschern. Diese Reihe könnte man fortsetzen.

          Die im Jahr 1962 geborene CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer war gestern Abend bei Sandra Maischberger zu Gast und erklärte, dass sie durchaus das Anliegen des damaligen Feminismus zur Durchsetzung rechtlicher und politischer Gleichstellung unterstütze. Ansonsten war ihre Vorstellung aber vom „Bild der 1970er und 1980er Jahre geprägt.“ Der Feminismus hätte sich sehr „im Kampfmodus“ befunden. Heutzutage wollte sie „das Ganze in einen vertretbaren Maßstab“ bringen.

          So hört sich die Mitte im Jahr 2019 an, wenigstens wenn man den Soloauftritt der CDU-Vorsitzenden bei Frau Maischberger verfolgte. Vor allem hat die bürgerliche Gesellschaft längst vergessen, wo sie herkommt. Dort war das Private nie politisch, sondern die Sphären der Privatheit von der öffentlichen Existenz strikt getrennt. Deshalb war es für die Politik bedeutungslos, ob Konrad Adenauer ein guter Familienvater war, oder auch nicht. Erst mit Willy Brandt wurde das Privatleben von Politikern politisch, allerdings als kitschige Homestory für das Fernsehen. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, die Qualifikation des früheren SPD-Vorsitzenden und Bundeskanzlers von seinen Qualitäten als Ehemann und Vater abhängig zu machen. Das galt noch bis Helmut Kohl, der aber dafür nach seiner Abwahl mit seinem Familienleben in die Schlagzeilen geriet.

          Es ist einer der Kollateralschäden des gesellschaftlichen Wandels, den Schlachtruf von früher heute anders zu interpretieren. Das Privatleben ist zur Referenz für politische Kompetenz geworden.

          Star der Krabbelgruppe

          So war diese Sendung konzipiert. Die CDU-Vorsitzende und potentielle Kanzlerin durfte über ihr Privatleben ausführlich Auskunft geben. Über ihren früh verstorbenen Vater, das Leben in einer kinderreichen Familie, den Ehemann als „Star der Krabbelgruppe“ und ihren Lebensweg als Politikerin. Man muss sich das vorstellen: In Europa ist der bevorstehende Brexit und die Zukunft des Verhältnisses zu Großbritannien das wichtigste Thema. Es war allerdings nicht wichtig genug, um überhaupt thematisiert zu werden.

          Dafür wurde ausführlich über die Kritik der CDU-Vorsitzenden an der „Ehe für alle“ aus dem Jahr 2015 diskutiert. Ihre Kinder, so erfuhren wir, fanden diese „ausgesprochen dämlich und doof.“ Die CDU-Vorsitzende bemühte sich, Standhaftigkeit mit politischer Flexibilität zu verbinden. Einerseits nicht umfallen, es wäre ein fatales Signal für ihre persönliche Glaubwürdigkeit. Andererseits deren Bedeutung auf eine persönliche Meinungsäußerung zu reduzieren. Sie respektierte selbstredend diese auch mit Unionsstimmen im Bundestag getroffene Entscheidung, so war die CDU-Vorsitzende zu vernehmen.

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          Erst spät kam sie auf die Idee, ihre Sichtweise zu begründen. Es gibt tatsächlich soziologische und verfassungsrechtliche Argumente. Diese spielen aber keine Rolle, solange sich etwa Bettina Böttinger in einem Einspieler beleidigt fühlen durfte. Schließlich wären homosexuelle Partnerschaften von Frau Kramp-Karrenbauer mit Inzest und Polygamie gleichgesetzt worden, so die empörte WDR-Moderatorin. Diese Verwechslung der Institution Ehe mit der romantischen Liebe sollte allerdings nicht dem Feminismus vorgeworfen werden. Dieser hatte die Ehe in seinen Kampfzeiten noch als Inbegriff bürgerlicher Scheinheiligkeit bekämpft.

          Maischbergers Gleichgültigkeit

          Die Kontroverse um die „Ehe für alle“ war das wichtigste Thema in diesem Interview, wenigstens wenn es um die programmatischen Vorstellungen der CDU-Vorsitzenden ging. Dafür wusste sie noch zu berichten, lieber „Queen“ als Helene Fischer zu hören. Außerdem die Musik der Rockbarden von „Kiss“, die aber immerhin origineller geschminkt sind als ihre deutsche Kollegin. Ansonsten beschränkte sich die Moderatorin auf die Rolle der Stichwortgeberin. So lehnte Frau Kramp-Karrenbauer das Tempolimit ab und plädierte für Verhältnismäßigkeit bei den Fahrverboten für Diesel-PKWs.

          Es war schon erstaunlich zu beobachten, welche Gleichgültigkeit dabei Frau Maischberger an den Tag legte. Sie verzichtete auf jegliche Nachfrage, selbst wenn es interessant gewesen wäre. In einer politischen Sendung hätte sich die Interviewerin wohl kaum mit belanglosen Floskeln zur Flüchtlingspolitik abspeisen lassen. Stattdessen hätte es Nachfragen gegeben, wie sich die CDU-Vorsitzende die von ihr angekündigte Aufarbeitung des Themas in der Praxis vorstellt. Die Kanzlerin soll daran bekanntlich nicht teilnehmen. So kann sie auch dort nicht gefragt werden, was sie als den größten Fehler ihrer Amtszeit betrachtet. Und dabei hat Frau Kramp-Karrenbauer hier ausdrücklich auf die Kanzlerin verwiesen. Das kann passieren, wenn das Artikulieren von Stichworten mit einem Interview verwechselt wird.

          Zweifel an der Energiepolitik

          Dabei gab es einen durchaus interessanten Punkt. Das betraf nicht die Erhöhung des Spitzensteuersatzes, den Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) neuerdings vorschlägt. Das abzulehnen, gehört zur christdemokratischen Folklore so wie diese Forderung zum Kanon der Sozialdemokraten. Es ging es um ihre Äußerungen zum Konsensvorschlag der sogenannten Kohlekommission. Es käme jetzt auf das Management der Energiewende an, so Frau Kramp-Karrenbauer. Wahrscheinlich wie die Bewahrung der Bundeswehr vor ihrem endgültigen Zerfall, so könnten Spötter vermuten. Das war aber ebenfalls kein Thema. Die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen wurde nur einmal erwähnt, um die veränderte Rolle von Frauen in der Politik sichtbar zu machen.

          Vielmehr machte sie beim Thema Energiepolitik auf zwei Faktoren aufmerksam. Wir wären das einzige Industrieland, das gleichzeitig aus der Atomkraft und aus der Kohleverstromung aussteigt. Deshalb wäre die Versorgungssicherheit ein zentrales Thema. Das betrifft etwa den Ausbau der Netzinfrastruktur, so die CDU-Vorsitzende. Davon hängt es aber ab, „ob wir aus der Kohle aussteigen können.“ Hier hätte Frau Maischberger nachhaken können, wenn es denn gestern Abend um Politik gegangen wäre. Offensichtlich wurden hier Zweifel an den Grundannahmen unserer Energiepolitik deutlich. Das lässt sich auch nicht bis in das Jahr 2038 verschieben, selbst wenn es der aktuellen Politik gut ins Konzept passen sollte. Sie ist dann schließlich nicht mehr in Amt und Würden. Ein mit der Bundeswehr vergleichbares Desaster in der Energiepolitik wäre eine Art Super-Gau für diese Gesellschaft. Der sollte bekanntlich mit dem Atomausstieg verhindert werden.

          Journalisten ohne Lebenserfahrung

          So versandete dieses Interview am Ende mit der Frage nach der politischen Zukunft der CDU-Vorsitzenden. Sie erklärte ihre Bereitschaft zur Kanzlerschaft, ohne sich verständlicherweise als Kanzlerkandidatin auszurufen. Die Zusammenarbeit mit Links- oder Rechtspopulisten lehnte sie kategorisch ab. Alle anderen Konstellationen wären dafür möglich. Im Osten könnte das nach den Landtagswahlen durchaus eine schwarz-grün-rot-gelbe Koalition werden. Dann sind alle anderen Konstellationen nur noch eine.

          Parteifreunden wie Wolfgang Schäuble bekundete sie Respekt, ohne ihm allzu viel Vertrauen entgegenzubringen. Das ist gut begründet und entspricht den Gepflogenheiten innerparteilicher Machtkämpfe. Frau Maischberger benannte das als die Gefahr „alter Netzwerke.“ Frau Kramp-Karrenbauer verwies als Antwort auf die Veränderungen in der CDU, die sich nicht zuletzt in ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden ausgedrückt hätte. So kann man das sehen. Wobei die neuen Netzwerke auch schon alt sind: Ihre Vorgängerin im Amt der CDU-Vorsitzenden hatte achtzehn Jahre lang Zeit, sie zu etablieren. Wobei sich Frau Kramp-Karrenbauer nicht gegen „Netzwerke für alle“ aussprach. Sie wurde nicht danach gefragt.

          So war dieses Interview schon nach knapp sechzig Minuten zu Ende. Es fehlten fünfzehn Minuten an der üblichen Sendezeit. Beide Frauen hatten sich auch nichts mehr zu sagen. Was war das nun? Eine als politische Talkshow titulierte Homestory, wobei der Showanteil zweifellos dominierte.

          Diese Sendung sagte aber etwas über das Politikverständnis am Ende der Ära Merkel aus. Es wurde das Politische gewissermaßen entpolitisiert. Die persönliche Lebensführung ist als Glaubwürdigkeit an die Stelle der Politik getreten. So bemühte sich die CDU-Vorsitzende den Vorwurf der Berufspolitikerin ohne Lebenserfahrung zu entkräften. Journalisten hätte diese zumeist auch nicht zu bieten, so ihr Hinweis. Der Einwand war berechtigt. In funktional differenzierten Gesellschaften geht es darum, seinen Job zu machen. Das gilt für Politiker, Journalisten, Ärzte, Soldaten, Bergmänner oder Friseure. Es betrifft zudem jedes denkbare Geschlecht, inklusive Männer und Frauen. Ein Interview mit Friedrich Merz wäre zweifellos anders ausgefallen. Und das war die eigentliche Bankrotterklärung des gestrigen Abends. Feminismus ist nämlich etwas anderes als beim Kaffeeklatsch unserer Großmütter zu landen.

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