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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Fake News und Lügen

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Die Ursachen dieser Polarisierung sind zwar keineswegs nur bei Trump zu suchen, aber sein Wahlkampf vor vier Jahren hatte die politische Kultur des Landes beschädigt. Trumps Anhänger wollten Hillary Clinton einsperren, die rassistischen Ausfälle über mexikanische Vergewaltiger sind unvergessen und sein Gerede über Fake news machte den Begriff endgültig zur leeren Propagandaformel. Allerdings wurde bei Weinberg – und übrigens im TV-Duell bei Trump selbst – deutlich, wie sehr die Folgen Trump selbst zu spüren bekommen hat. Es war die Verbitterung über den Hass zu hören, die dem neugewählten Präsidenten vom ersten Tag an entgegenschlug. Die seit Roosevelt obligatorischen hundert Tage der Schonfrist galten für Trump keine 24 Stunden. Er war in der Perspektive der Wahlverlierer von 2016 zu keinem Zeitpunkt ein legitimer Präsident. Williams brachte das gut zum Ausdruck, als er auf den Stil Bidens angesprochen worden war. Dieser hatte Trump unter anderen einen „Clown“ genannt, ihm zudem empfohlen, die „Klappe zu halten.“ Das sei keine Respektlosigkeit gegenüber dem Amt des Präsidenten gewesen, so Williams, sondern gegenüber der Person Trump. Als wenn das zu trennen wäre: Natürlich können etwa durchgeknallte Radiomoderatoren über einen Präsidenten erzählen, was sie wollen. Aber seit 2016 hören sich Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten so an, wie diese Journalisten mit dem Geschäftsmodell Hass und Hetze. Es gab in dieser Sendung einen Augenblick, wo deutlich wurde, was in den Vereinigten Staaten aus dem Ruder gelaufen ist. Frau Maischberger machte am Ende eine nüchterne Feststellung gegenüber Williams. Egal, was Donald Trump sage, „Menschen wie Sie finden nichts von dem richtig.“ Sichtlich überrascht, bestritt das der Entertainer. Das habe er „nie gesagt.“ Das war wiederum eine Lüge, weil er alles für eine Lüge hielt, was Trump und der doch eher verbindlich auftretende Weinberg sagen. Wenn die einen alles für Fake news halten, und die anderen alles für Lüge, muss wohl jeder Paartherapeut kapitulieren. Wobei sich in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich sogar die Gilde der Paartherapeuten schon längst über Trump heillos zerstritten haben wird.

Amerikanische Innenpolitik

So lernten wir Zuschauer mehr über die amerikanische Innenpolitik als wir erwarten durften. Zum Glück hatte Frau Maischberger aber weniger Mühe mit ihren Gästen als der Moderator des TV-Duells, der grandiose Chris Wallace von Fox News. Dieser setzte beide Kandidaten unter Druck, wenn sie auf seine Fragen nicht antworteten, oder sich an die verabredeten Spielregeln nicht hielten. Trump traf das öfter als Biden, weil der Präsident schon immer am liebsten nach seinen eigenen Regeln spielte. Wallace repräsentiert jenen aussterbenden Typus des Journalisten, der seine Zuschauer nicht mit seinem missionarischen Eifer bekehren will. Er will dem Zuschauer vielmehr die Möglichkeit bieten, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und selbst wenn Wallace für den Haussender der Republikaner namens Fox News arbeitet, machte er in diesem TV-Duell keine Kompromisse zugunsten ihres Kandidaten. Dass dieses Duell viele Zuschauer trotzdem anwiderte, konnte man Wallace wirklich nicht vorwerfen. In dieser polarisierten Gesellschaft, wo Fake news auf Lüge trifft, ist eine Art herrschaftsfreier Diskurs nicht zu erwarten. Selbst der früher obligatorische Anschein bürgerlicher Respektabilität in solchen Debatten ist längst verschwunden. Setzte es doch die Differenzierung zwischen dem öffentlichen und privaten Leben voraus, das dem Authentizitätswahn und der Identitätslogik völlig unverständlich ist. Trumps Stärke ist das, was seine Feinde selber propagieren. Er gilt in einem Politikbetrieb als authentisch, der von den meisten Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten als verlogener Schein wahrgenommen worden war.

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