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TV-Kritik: „Reise durch den Kaukasus“ : Abenteuer und Unvernunft, das gefällt ihm

Auf und davon: Gérard Depardieu unterwegs auf den Ölfeldern bei Baku Bild: B-Tween

Auf den Spuren des Dichters Alexandre Dumas düst der Schauspieler Gérard Depardieu durch den Kaukasus. Dort findet der Freund von Wladimir Putin tatsächlich zu sich selbst.

          Ob Putins bester französischer Freund auch bei der Geburtstagsfeier war, haben wir in der allgemeinen Empörung über Altkanzler und Gasprom-Botschafter Gerhard Schröders Sause in Sankt Petersburg nicht zu erfahren versucht. Noch ungenierter und herzhafter hatte Gérard Depardieu den russischen Präsidenten gelobt. Mit Papst Johannes Paul II. verglich er ihn. Und übel beschimpfte er die blasphemischen Musikerinnen von Pussy Riot im Fernsehen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Weit hatte Putin seine langen Arme geöffnet und dem Schauspieler auf der Flucht vor dem Steuertotalitarismus seiner Landsleute - einen „kleinen Bolschewiken“ nannte der den Präsidenten Hollande - eine neue Heimat eröffnet. Depardieu hat längst einen russischen Pass. „Ich verbringe meine Zeit hauptsächlich in Aserbaidschan, in der Ukraine und in Russland“, erklärte er kürzlich bei einem Abstecher nach New York: „Ich war schon immer ein Vagabund. Nach Frankreich komme ich nur noch als Besucher. Ich lebe da, wo mich meine Geschäfte hinführen.“ Wochenlang lief auf CNN der Werbespot, in dem Depardieu - Gourmand und Gourmet zugleich - die Wonnen der Küche seiner neuen Wahlheimat preist. Vollmundig versprach er, die Filmindustrie des Landes zu fördern und Schauspieler zu unterrichten. „Aserbaidschan ist ein großes Land, und die Menschen haben ein großes Herz“, erklärte er den Journalisten und Politikern anlässlich einer Pressekonferenz in Baku, wo der Film gedreht wurde, in dem Depardieu in einer doppelten Hauptrolle zu sehen ist: „Reise in den Kaukasus“ - Depardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas. Dieses erste Produkt seiner Wahlverwandtschaft feiert nun Premiere bei Arte.

          Länderporträt ohne politische Zwischentöne

          Auf dem Motorrad und ungebändigt wie ein Musketier, erfährt Gérard Depardieu die Freiheit in Aserbaidschan. In Paris wurde er wegen Trunkenheit am Steuer gerade in Abwesenheit verurteilt. So unvermittelt wie der Schauspieler hatte vor eineinhalb Jahrhunderten der genauso exzessive Dichter Alexandre Dumas Frankreich verlassen und eine „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ unternommen. Dumas reiste mit dem Maler Jean-Pierre Moynet, Depardieu hat den Zeichner und Illustrator Mathieu Sapin mitgenommen. Ein einheimischer Journalist und Historiker ist bei den in Baku aufgenommenen Szenen ebenfalls dabei. Natürlich wird der Film zum epischen Werbespot für das autokratisch regierte Aserbaidschan.

          Verschlingt einen Teller mit Lammkoteletts und nennt Alexandre Dumas einen Oger:  Gérard Depardieu

          Wenn die Gasprom-Hymne der Champions League ertönt, prangt „Azerbaijan“ auf den Leibchen der Spieler von Atlético Madrid. Deren Siege haben ein neues Interesse an diesem doch weitgehend unbekannten und rätselhaften Land erzeugt, dessen exotischer Faszination schon Dumas erlegen war. Arte stillt es im besten Moment mit einem Länderporträt ohne Kritik und politische Zwischentöne. Aber es geht ja auch gar nicht um Putin und den Präsidenten von Aserbaidschan, der sein Amt vom Vater übernommen hat.

          Ohne Provokationen und Rollenspiele

          Letztlich ist auch Alexandre Dumas nur ein Vorwand. Immer wieder liest Depardieu aus dessen Reisetagebuch. Und an diesen Stellen möchte man deutschen Zuschauern sogar raten, nur dem französischen O-Ton zu lauschen. Depardieu ist nun einmal ein begnadeter Schauspieler und der Dokumentarfilm die Arbeit zweier Autoren, die sich mit Dumas und seinem Werk auskennen. Depardieu aber reißt die Handlung an sich, er bringt den phänomenalen Dichter zum Leben. Nicht nur der Hang zum Schlemmen ist ihnen gemein. „Abenteuer, Leidenschaft, Begeisterung, Unvernunft - das gefällt mir“, und das gleicht ihm. Mit dem Schwärmen kommt Depardieu ins Erzählen: „Mein Vater war Analphabet, meine Mutter immer schwanger“, zwischen vierzehn und sechzehn war er stumm, an Fidel Castro erinnert er sich, Peter Handke und den Maler Dubuffet zitiert er. Eindrücklich ist vom Tod die Rede, auch von den Tragödien von Depardieus verstorbenem Sohn Guillaume.

          Das Monstrum als Mensch unter Markthändlern in Aserbaidschan

          Mit Heißhunger und Hochgenuss verschlingt Gérard Depardieu einen Teller voller Lammkoteletts und nennt Dumas einen „Oger“, einen Unhold und Menschenfresser. In einem Film spielt Depardieu gerade Dominique Strauss-Kahn, und auch zur Fußball-Weltmeisterschaft kommt der Schauspieler ins Kino: Er gibt ihren Erfinder, den Franzosen Jules Rimet - an der Seite von Tim Roth als Sepp Blatter. Auf den Spuren von Dumas und im Dialog mit ihm lässt Depardieu seine Masken fallen. Er verzichtet auf Provokationen und Rollenspiele. In der exotischen Kulisse des Kaukasus verwandelt sich das Monstrum in einen Menschen, der in Aserbaidschan heimisch geworden und ist dem Zuschauer bei Arte sympathisch wird.

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