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Fernsehkritik: Olli Dittrich : Wenn Mittelmaß die Krönung ist

  • -Aktualisiert am

Der „wahre“ König von Deutschland ist der Normalo: Olli Dittrich und Veronika Ferres eumeln sich durch diese Komödie auf Arte. Bild: obs

Von wegen außergewöhnlich, Durchschnitt brilliert: Bei „Der König von Deutschland“ mit Olli Dittrich und Veronika Ferres ist alles ganz „normal“, so wie es sich für das Klischee eines guten Bürgers gehört...

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          Nach Loriot kann das niemand so gut wie Olli Dittrich: den sympathischen Normalo so spielen, dass dieser keine Sekunde lang denunziert wird, der Betrachter sich aber trotzdem, nein, gerade deshalb vor Lachen an den Chips verschluckt. Arte zeigt nun die für das Kleine Fernsehspiel des ZDF entstandene, köstlich überdrehte und zugleich - eben dank Dittrich - mit großartiger Komik grundierte Komödie „Der König von Deutschland“, die bei ihrer Kinoauswertung vor zwei Jahren erstaunlich humorlos besprochen wurde. Kaum gewürdigt wurde auch, dass der junge Filmemacher David Dietl (Buch und Regie) hier zunächst einmal auf gelungen ironische Weise das flirrende, poltersatirische Werk seines Vaters Helmut auf die Schippe nimmt, ohne dabei wiederum Häme über dem Schwabinger Irrsinn auszugießen.

          David Dietl arbeitet mit fröhlicher Übersteigerung, die ganz bewusst in alle Kerben noch einmal schlägt: „Thomas Müller“, der Durchschnittsdeutsche, den Dittrich gibt, muss natürlich aus „Normsen“ stammen, und auf seinem Nummernschild muss „NO-RM 0815“ stehen. Diesem Max Mustermann den Namen von Deutschlands Top-Fußballer zu verpassen, das war auch vor dem Weltmeistertitel schon ein guter Gag. Die Mischung aus völlig überdrehten und ruhig-hinterlistigen Szenen ist auch der Hauptunterschied zu der thematisch leicht verwandten Komödie „Eine Insel namens Udo“ (2011), in der Kurt Krömer einen für den Rest der Welt geradezu unsichtbaren Irgendwer spielte, der als Ladendetektiv arbeitet, bis ihn die Liebe ereilt.

          Die Auseinandersetzung mit der Welt des Vaters geht beim „König von Deutschland“ bis in die Besetzung hinein, denn die von ihrem Allerweltseumel gelangweilte Ehefrau Müllers spielt Helmut Dietls langjährige Lebensgefährtin Veronica Ferres - und zwar so gut, wie sie selten zu sehen ist. Man nimmt ihr das angeödete, korrupte Luder, das sich auf Affären und Intrigen einlässt, voll und ganz ab. Eine prächtige Figur macht auch Wanja Mues als schmieriger Spindoctor, der, basierend auf den Ansichten des Normalos Müller, einen eigenschaftslosen, alle Volksmeinungen sofort übernehmenden Politiker (man darf sich gern ein echtes Vorbild für Kurt Knister vorstellen; kurz blitzt auch einmal die Idee einer Maut auf) zum Sieg führt. Einzig Katrin Bauerfeind als sinnliches Sehnsuchtsziel des Helden bleibt zu sehr in ihrer Gutmenschenrolle, die sie nicht - wie Dittrich und Mues, die uns zwischendurch sozusagen zuzwinkern - als Quatschrolle ausstellt.

          Der Normalo in der Ausnutzungsmaschinerie

          Was passiert, ist schnell angedeutet: Der Held verliert seine Stelle als Texter für Navigationsgeräte („bitte rechts abbiegen“), hat aber einen neuen Hauskredit am Hals. Da nimmt er mit Freuden das Jobangebot eines in seiner Herzlichkeit leicht zwielichtigen Fremden an, der sich als Industriedienstleister vorstellt. Nun verdient Müller gutes Geld, sitzt in einem großen Büro, weiß aber gar nicht, was eigentlich seine Aufgabe ist. Dafür muss er ständig Dinge auswählen und bewerten. Allmählich schwant ihm, dass er als Marktforschungsinstrument missbraucht wird, unter anderem für Knisters Wahlkampagne. Als er auch noch dahinterkommt, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden, plant er das krachende Durchbrechen der eigenen Normalität. An dieser Stelle aber wählt der Film nicht den einfachen Ausweg, sondern dreht wunderbar in den Irrsinn ab, indem er noch zwei, drei Schaufeln drauflegt.

          Natürlich ist diese Handlung ein einziger Jokus, denn der Spindoctor bekommt bloß, was ihm jede Umfrage auch einbrächte. Für einen Abschlussfilm ist so viel Flapsigkeit ziemlich mutig. Dass die Kritik im September 2013 fast durch die Bank auf das vermeintliche Verkennen der wahren Brisanz von Überwachung und Ausspähung abhob, lässt sich wohl nur durch eine Art kollektives Edward- Snowden-Delirium erklären. Schließlich war der Whistleblower kurz zuvor mit seinen NSA-Enthüllungen an die Öffentlichkeit gegangen. Vielleicht kann man den Film heute sogar als Satire auf die berechtigte, aber eben auch reichlich apokalyptische Spionagepanik sehen. Dietl stellt dagegen indirekt die abgründige Frage, die auch ein großer Teil der Generation Facebook stellt: Warum eigentlich nicht? Warum soll der Held nicht reich werden als perfekt mittelmäßiges Testkaninchen? Was hätte er zu verbergen, was zu verlieren? Von dieser gutgelaunten Rundumschlag-Parodie eine wirkliche Antwort darauf zu erwarten würde den Film jedoch zugleich über- und unterfordern: Hier darf man einfach über alle Seiten lachen, am allermeisten jedoch über Olli Dittrichs Leistung als Enkel Loriots. Und das ist nicht wenig.

          Der König von Deutschland läuft am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte.

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