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TV-Kritik: Maybrit Illner : Rette sich, wer kann!

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: dpa

Die Groko-Debatte bei Maybrit Illner offenbart eine dramatische Lage: Die SPD-Führung wirkt kopflos. Den Jusos sind die Folgen ihres Neins egal. Ratschläge der Union tragen nicht dazu bei, die Lage zu stabilisieren.

          Die SPD-Führung jagt durchs Land. Ob ihre Delegierten infolge des Sturms am Sonntag zum Parteitag nach Bonn kommen können, scheint ungewiss. Das Szenario rund um die Entscheidung über Koalitionsverhandlungen mit der Union war auch ohne Sturm schon dramatisch genug. Der Juso-Chef Kevin Kühnert erinnert in der Sendung von Maybrit Illner an ein junges doppeltes Wiedergängerlottchen aus Eberhard Diepgen und Klaus Wowereit. Er ist ein Berliner Gewächs mit zweifelhaftem politischen Talent. Er sagt, die SPD werde sich Gedanken darüber machen müssen, wie sie wieder wachsen könne, als hätte ihm Werner Herzog mit dem Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ die Dramaturgie für sein Vorhaben geliefert. Er erntet damit ein konstant süßsaures Lächeln Stephan Weils.

          Der niedersächsische Ministerpräsident hat im Oktober gezeigt, dass man gegen den Trend für die SPD Wahlen gewinnen kann. Für ihn steht außer Frage, dass seine Partei ihre Erneuerung mit besserer Schubkraft in der Regierung zustande bringen werde. Das Sondierungspapier verdanke sich knüppelharten Verhandlungen. Warum torpedieren mit Malu Dreyer und Ralf Stegner zwei stellvertretende Vorsitzende seiner Partei dieses Bild? Gönnen sie der Union den Triumph, als einziger verbliebener Garant für politische Stabilität zu stehen?

          Nachhilfe bei Andrea Nahles

          Der Publizist Albrecht von Lucke erinnert an die erste große Koalition. Damals sei es der SPD gelungen, gestärkt als Juniorpartner aus einer großen Koalition hervorzugehen. Warum hat sie ihre Erfolge in der jüngsten großen Koalition so unter Wert gehandelt? Juso-Chef Kühnert behauptet, das Wahlprogramm seiner Partei habe die Unterschiede zur Union nicht deutlich genug gemacht. Hat er vergessen, wie hart die Wirtschaftsverbände gegen den gesetzlichen Mindestlohn gewütet haben? Ist ihm egal, dass die dazu fabrizierten Prognosen nicht zutrafen? Andrea Nahles kann ihm Nachhilfe geben.

          „Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart hat sich in der Show verirrt. Er bespielt eine Rolle aus der Ära Erich Böhmes und Sabine Christiansens. Was bringt ihn auf die Idee, dass das von wirtschaftlicher Dynamik strotzende Land erstarrt sei? In seinem Register fehlte nur noch der Mehltau und er hätte sich ins Jahr 1995 gebeamt.

          Schadenfreude nicht zeigen

          Julia Klöckner hat an diesem Abend ein anderes Problem. Aus Parteidisziplin darf sie ihre Schadenfreude über die Zerrissenheit der SPD nicht zeigen. Nach Bernhard Vogel ist es übrigens keinem Nachfolger Helmut Kohls gelungen, die CDU in Rheinland-Pfalz abermals an die Macht zu bringen. Das zähmt auch.

          Gegen Gabor Steingart macht sie einen Punkt. Natürlich steht Deutschland nicht am Rande eines Abgrunds. Der Ehrgeiz ihres Parteifreundes Jens Spahn veranlasst sie zu einem etwas überschwänglichen Lob Angela Merkels. Die Aufregung über den Zustand der SPD verstellt den Blick auf die eigenartige Ruhe in der Union. Sie überlässt das Debattieren den Sozialdemokraten, als passe es nicht in ihre politische DNA. Dabei kann Macht auch durch Verzicht auf Debatten erodieren.

          Lob der Revolte

          Den Zwiespalt bringt Albrecht von Lucke für die Jusos auf den Punkt. Tatsächlich habe Kühnert die Parteiführung an die Wand argumentiert. Vielleicht hoffe er insgeheim, dass die Jusos mit ihrem Nein zur Neuauflage der großen Koalition scheitern. Ihr Eifer ignoriere die Folgen für die Parteiführung. Der Juso-Chef könnte ins Grübeln darüber kommen, warum ihn Gabor Steingart so hofiert. Ihm zu Ehren zitiert Steingart sogar Albert Camus, eine Revolte beginne damit, dass einer aufstehe und nein sage.

          Die Folgen des Neinsagens führen nicht nur zu einem Berg von Problemen für die SPD, sondern auch zu einer politischen Machtoption für Stephan Weil. Wenn die SPD sich am Sonntag in Bonn zerlegt, ist die CDU die letzte übrig gebliebene Volkspartei. Nicht einmal das ist garantiert, wenn man an das Ende der Democrazia Cristiana in Italien und den Niedergang der bürgerlichen Parteien in Frankreich denkt. Welcher Springteufel verleitet Gastgeberin Illner zu der Frage, ob die SPD Steigbügelhalterin Angela Merkels sei? Das Bild ist politisch verbrannt, seine Reaktivierung infam.

          Quietismus und Gedöns

          Ein eigentümliches Zwischenspiel gibt es mit der Finanzexpertin Dorothea Mohn, die für die Verbraucherverbände durchgerechnet hat, was das Sondierungspapier für Geringverdiener von 850 Euro und für Familienväter mit 4000 Euro Monatseinkommen bringt. Auf Heller und Pfennig berechnet ist das ein quietistisches Angebot. Frau Mohn redet konsequent nur von Verbrauchern. Sie schrumpft die Idee des Politischen auf den Status eines Lieferanten, der ideologische Überbau wird zu Gedöns.

          Unter ihrem vorigem Vorsitzenden Sigmar Gabriel hat es die SPD versäumt, aus den Erfolgen der letzten Legislatur eine Agenda für die nächste abzuleiten. Der Wahlkampf von Martin Schulz wirkt im Rückblick daher wie der Auftritt einer außerparlamentarischen Opposition. Das Gerede von Gerechtigkeit blieb leer und relativierte die Erfolge der eigenen Partei.

          Wahlkämpfer Weil kann sich nicht daran erinnern, dass das Thema einer Bürgerversicherung auch nur ein einziges Mal bei einer Bürgerversammlung von einem Wähler angesprochen wurde, der Notstand in der Pflege aber immer wieder. Das hat die Bundeskanzlerin schneller verstanden als die Sozialdemokraten.

          Dass alles so bleibt, wie es ist

          Juso-Chef Kühnert wird schließlich ganz uneigennützig. Ihm gehe es nicht um seine Partei, sondern um die politische Kultur. Das wird die Partei am Sonntag hoffentlich richtig einordnen, wenn nicht, dann das Land im Fall von Neuwahlen.

          Das Regiebuch für diese Talkshow erinnert von ferne an Giuseppe Tomasis Roman „Der Gattopardo“. Der aufmüpfige Juso Kühnert, der so vehement dafür eintritt, dass alles sich ändert, operiert als ein Agent dafür, dass alles so bleibt, wie es ist.

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