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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Von der Haltung zur Haltungsversessenheit

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Schumacher nannte zudem als positives Beispiel die Bundeskanzlerin. Sie hatte tatsächlich im fast noch verlorenen Bundestagswahlkampf des Jahres 2005 ihre Lektion gelernt: statt klarer Positionierung besser alle möglichen Optionen offenzuhalten. Sie hat bewiesen, wie wechselnde Stimmungslagen zum Machterhalt genutzt werden können. Insofern war es nicht überraschend, dass Schumacher der SPD noch einen mitgab. Deren „Haltungsversessenheit“ nannte er „ihre Tragik“.

Was Söder und Baerbock weglächelten

Es war der wichtigste Satz in dieser Sendung, weil er nicht nur den kommenden Stimmungswandel ankündigt. Er offenbart zugleich den Zynismus jener politischen Glücksritter, die auf der Welle des Zeitgeistes zu reiten wissen. Haltung ist schließlich das, was seit vier Jahren ununterbrochen gepredigt wird. Malu Dreyer regiert in Mainz in einer Ampelkoalition mit der FDP und den Grünen. Nur zur Erinnerung: Letztere haben bei der Landtagswahl im Jahr 2016 mehr als zehn Prozent Stimmenanteile verloren.

Den Klimawandel gab es zwar schon damals, nur war halt der Zeitgeist nicht auf Seiten der Ökopartei. Der war bestimmt vom Kampf der beiden Spitzenkandidatinnen von CDU und SPD um das Amt der Ministerpräsidentin. Allerdings zeigte die kommissarische SPD-Vorsitzende beim Thema Klimawandel eben jene Haltungsversessenheit, von der Schumacher sprach. Für ihre Partei räumte sie Defizite in der Klimapolitik ein. Als Ministerpräsidentin in Mainz habe sich ihre Landesregierung aber um das Thema gekümmert.

Das glauben wahrscheinlich nicht einmal die Grünen als ihre langjährigen Koalitionspartner in Mainz. Vor allem reden sie nicht darüber. Frau Dreyer war die einzige Politikerin, die ihre Partei der fortgesetzten Unfähigkeit in der Klimapolitik bezichtigte. Sie räumte ein, was ein Söder oder eine Frau Baerbock einfach weglächeln. Beide erklärten sich für unzuständig, als es um Vergangenheitsbewältigung ging. 

Zugeständnis an aktuelle Stimmungen

Dafür bewies der CDU-Jungstar Philipp Amthor seine Schlagfertigkeit, als ihn Schumacher und die frühere Piraten-Politikerin Katharina Nocun in die Ecke namens „alter, weißer Mann“ stellten. Auch klimapolitisch bewies er diese Flexibilität als Empfehlung für künftige Führungsaufgaben. Amthor verwahrte sich gegen die Idee, es sei in der Vergangenheit nichts geschehen.

Andererseits zeigte er sich bei der Einführung des alten sozialdemokratischen Gassenhauers namens „ökologische Steuerreform“ als lernfähig. So nannte er dieses Zugeständnis an die aktuellen Stimmungen wenigstens. Im Vergleich dazu wirkten die Einlassungen von Frau Dreyer nahezu grotesk. Wenn man sie richtig verstanden hat, hat ihre Partei bei der Abfassung des Koalitionsvertrages nämlich gar nicht gewusst, was sie dort klimapolitisch mit der Union ausgehandelt hatte. Ansonsten müsste sie keine Defizite einräumen.

Inkompetenz zur Schau gestellt

Wer soll eine Partei wählen, die so unverblümt ihre Inkompetenz zur Schau stellt? Das zeigte sich an einem weiteren Beispiel. Frau Nocun sieht in der Agenda 2010 das immerwährende Problem der SPD. Sie vermisst eine Vision. Die Netzaktivistin fürchtet um ihre nicht auskömmliche Rente im Jahr 2069, so weit wir sie verstehen. Immerhin gab es vor neunzehn Jahren noch andere Ängste als den drohenden Klimatod. Als Frau Dreyer anmerkte, was ihre Partei in ihrer Regierungszeit für Paketboten oder Krankenschwestern macht, nannte das Frau Nocun etwas abschätzig „Trippelschritte“.

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