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TV-Kritik: Maybrit Illner : Lob der Zweideutigkeit

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illners Gesprächsrunde zum Thema Brexit Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Das Tohuwabohu um den Brexit erreicht allmählich seinen dramatischen Höhepunkt. Bei Maybrit Illner wurden aber Perspektiven gezeigt, wie das völlige Chaos doch noch zu vermeiden wäre.

          Wahrscheinlich haben mittlerweile selbst britische Ehepaare keine Lust mehr sich zu streiten, wenn sie denn über den Brexit unterschiedlicher Meinung sein sollten. Deren Stimmung könnte die Finanzjournalistin Susanne Schmidt gestern Abend gut zum Ausdruck gebracht haben: „Wir haben die Nase voll, immer dieses Hickhack. Wir haben Brexit gesagt. Jetzt macht es.“ So versetzen die im deutschen Fernsehen live übertragenen Unterhaussitzungen den Zuschauer mittlerweile in eine kontemplative Stimmung, deren therapeutische Wirkung auf den Gemütszustand untersucht werden sollte. Herausgerissen wird man lediglich von John Bercow als Sprecher des Unterhauses, der einen mit seinem dröhnenden Tonfall daran erinnert, es immer noch mit einem ernsthaften politischen Problem zu tun zu haben.

          So war auch diese Sendung nach weit mehr als tausend Tagen Brexit-Debatte von einer Mischung aus Ermüdung, Überdruss und Sarkasmus geprägt. Es hängt einem sprichwörtlich zum Halse heraus, wenigstens wenn man sich in der recht komfortablen Rolle des Beobachters befindet. Für die unmittelbar Betroffenen sieht das schon anders aus. So macht der Unternehmer Dietrich von Gruben weit mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Vereinigten Königreich. Ein Ende mit Schrecken sei für ihn keine Alternative, dafür stehe bei ihm zu viel auf dem Spiel.

          Bei ihm wurde die Unsicherheit deutlich, die der Brexit sogar nach zwei Wochen vor dem möglichen Vollzug auslöst. Zumeist wurde von Experten bekanntlich die rechtzeitige Vorbereitung auf den Austritt angemahnt. Das hört sich offenbar besser an als es in der Wirklichkeit zu sein scheint. Der Unternehmer aus Sachsen-Anhalt „hätte schon gerne gewusst, was auf uns zukommt.“ Entsprechend weiß er nicht, ob die gestern angekündigte Zollfreiheit für Importprodukte für seine Badsysteme gelten wird. Frau Schmidt wunderte sich über die Ignoranz, mit der ausgerechnet eine konservative Regierung mit den wirtschaftlichen Folgen umgeht. „Fuck business“, so zitierte sie für diese Mentalität den Tory-Politclown Boris Johnson, ohne aber das ominöse Wort auszusprechen.

          Wundertüte mit ungewissem Inhalt

          Diese Unsicherheit werde noch von den konträren ökonomischen Prognosen verstärkt, so Schmidt. So ist dieser Brexit immer noch eine Wundertüte mit ungewissem Inhalt. Das könnte aber der unverwüstlichen Theresa May politisch entgegenkommen. Im Parlament gäbe es „ein starkes Gefühl, dass ein ungeordneter Brexit katastrophal wäre“, wie es die „Economist“-Autorin Anne McElvoy formulierte. Zudem müssen die Brexiteers befürchten, schließlich mit leeren Händen dazustehen.

          Der ZDF-Korrespondent in Brüssel, Stefan Leifert, wies in einem Interview auf solche feuchten Träume der EU-Bürokraten hin. Die Selbstblockade des Unterhauses hatte bisher gute Gründe. Eine Mehrheit lehnt den Brexit zwar ab, muss ihn aber trotzdem umsetzen. Zugleich sind die beiden großen Parteien tief gespalten. So muss May mit einer Vielzahl von Austrittsbefürwortern kämpfen, während es Labour-Chef Jeremy Corbyn als Brexiteer mit den Remainern zu tun hat. Laut Frau Schmidt ist Corbyn ein „Neomarxist, der die Partei stalinistisch führt.“ Ein verstorbener Bundeskanzler und Herausgeber einer Hamburger Wochenzeitung hätte es kaum besser formulieren können.

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