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TV-Kritik zu „Maybrit Illner“ : Die Härten der Realpolitik

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„Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?“ war das Thema der Sendung von Maybrit Illner. Bild: dpa

Der Einmarsch der Türkei in Syrien beherrscht die öffentliche und politische Debatte auch in Deutschland. „Wie machtlos ist Europa?“ fragte Maybrit Illner ihre Gäste und erhielt eine nüchterne Bestandsaufnahme der deutschen Außenpolitik.

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          Talkshows leben meistens von der Diskussion über kontroverse Inhalte. Eher selten ist dagegen der Vortrag eines Gastes, unterstützt von einem Sekundanten. Das passierte in dieser Sendung „Maybrit Illner“ mit dem Titel: „Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?“ Den Vortrag hielt der frühere SPD-Vorsitzende und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel. Sein Sekundant hieß Guido Steinberg, Nahostexperte einer außenpolitischen Denkfabrik der Bundesregierung. Es war für die Zuschauer eine lehrreiche Veranstaltung, weil beide die Grundlagen außenpolitischen Denkens vermittelten. Es ging um Machtkonstellationen und Interessenkonflikte, denen auch das handelnde Personal in Staatsämtern unterworfen bleiben.

          Den Ausgangspunkt schilderte Gabriel mit der gebotenen Nüchternheit und ist so zusammenzufassen: Die Vereinigten Staaten sind der Rolle der weltpolitischen Ordnungsmacht überdrüssig geworden. Das begann schon vor der Amtsübernahme von Donald Trump und wird aus Gabriels Sicht mit Ablauf von dessen Amtszeit nicht enden. Tatsächlich nannte das dessen Vorgänger Barack Obama gerne Multilateralismus, bedeutete aber in der Konsequenz nichts anderes. Für die Deutschen endet damit jene Epoche, die Gabriel mit einem interessanten Bild deutlich machte: Unsere Interessen fuhren „auf den amerikanischen Flugzeugträgern mit“, aber dafür wussten wir unsere Moral hochzuhalten.

          „Helden, die für uns gegen den IS kämpften“

          Es gehe um „harte Realpolitik“, wie es Gabriel formulierte. Was das bedeutet, wurde in der Debatte über die Situation der Kurden deutlich. Die Journalistin Düzen Tekkal kritisierte „die Bigotterie des Westens“. Dieser habe die Kurden einem Despoten ausgeliefert, obwohl 12.000 kurdische Kämpfer ihr Leben im Kampf gegen den Islamischen Staat verloren hätten. Der Europapolitiker Manfred Weber (CSU) nannte sie „Helden, die für uns gegen den IS kämpften“. Gabriel stellte dagegen die ernüchternd klingende Frage, ob die Kurden nicht von uns missbraucht worden seien, um nicht selbst kämpfen zu müssen. Auf die Idee, der syrische PKK-Ableger könnte keineswegs für den Westen, sondern für die eigenen Interessen gekämpft haben, kam bezeichnenderweise niemandem.

          Tatsächlich waren sie ein Bündnispartner im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind, der aber in einem Dilemma gefangen blieb. Das sprach Tekkals Kollegin Meşale Tolu an. Einerseits hätten die Kurden nicht die Absicht gehabt, einen eigenen Staat zu gründen, so die Versicherung der deutschen Journalistin mit kurdischen Wurzeln. Diese wollten „eigentlich nur noch in Frieden und Freiheit leben“. Andererseits beschrieb Tolu die „Angst“ des türkischen Präsidenten Erdogan, dass die Kurden „einen zusammenhängenden Staat errichten“ wollten.

          Man musste lediglich Gabriel und Steinberg zuhören, um diese Sorge für nicht völlig unbegründet zu halten. Steinberg beschrieb die Vorgeschichte dieses Krieges. Wie der syrische PKK-Ableger YPG den Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges nutzte, um schon im Jahr 2012 mit dem unter Druck geratenen Assad-Regime ein Stillhalteabkommen zu erreichen. Wie sie vom damaligen amerikanischen Präsidenten Barak Obama nur drei Jahre später eine Art privilegierte Partnerschaft in der Anti-IS-Koalition zugestanden bekamen. Außerdem hatte ein führender Vertreter der YPG schon im Januar diesen Jahres einen abermaligen Wechsel an Assads Seite ankündigt, so Steinberg. Schon damals war ein Ende der amerikanischen Bereitschaft abzusehen, sich weiterhin in Nordsyrien zu engagieren. Steinberg erinnerte zudem an die Absage von Briten, Franzosen und Deutschen, eigene Truppen in der Region zu stationieren. Es habe im Januar eine entsprechende Anfrage aus Washington gegeben.

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