https://www.faz.net/-gqz-96p02

TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Puritaner im feministischen Kostüm

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über Vorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel. Bild: ZDF/Harry Schnitger

Von sexueller Nötigung bis zur Vergewaltigung – die Vorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel wiegen schwer. Manche Erklärungen bei Maybrit Illner wirken wie Entschuldigungen von Feiglingen.

          5 Min.

          Wo es Macht gibt, findet sich auch Machtmissbrauch. Auf dieser Einsicht beruhen moderne Demokratien. Sie haben deshalb institutionelle und rechtsstaatliche Sicherungen eingebaut, um den Machtmissbrauch gegebenenfalls zu sanktionieren. Das verhindert ihn nicht, setzt ihm aber Grenzen.

          Dieser Grundsatz ist im Laufe der vergangenen hundert Jahre auf immer mehr gesellschaftliche Teilsektoren ausgeweitet werden. So schützt das Betriebsverfassungsgesetz die Arbeitnehmer vor dem Machtmissbrauch durch Unternehmen. Sie sind damit nicht mehr von der Gnade des guten Patriarchen abhängig. Selbst ein Arbeitgeber mit menschlich zweifelhaften Charakter hat sich an das Gesetz zu halten, oder muss mit Konsequenzen rechnen.

          Welche Macht Medien haben, musste in den vergangenen Wochen Dieter Wedel erleben. Die Wochenzeitung „Zeit“ konfrontierte den Regisseur mit dem Vorwurf schwerer Straftaten, von der sexuellen Nötigung bis zur Vergewaltigung. Diese Straftaten liegen zwar zum Teil Jahrzehnte zurück, sind somit strafrechtlich längst verjährt. Aber das fehlende Strafverfolgungsinteresse des Staates erzwingt keineswegs eine Pflicht der Medien zum Verzicht auf Berichterstattung. Natürlich existiert ein öffentliches Interesse, wenn sich einer der bedeutendsten Fernsehregisseure der vergangenen fünfzig Jahre als ein notorischer Gewaltkrimineller herausstellen sollte.

          Frage des Anstands

          So machte Maybrit Illner den Regisseur unter dem Titel „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“ zum Thema. Womit gleichzeitig deutlich wurde, wie lächerlich die damalige „Aufschrei“-Debatte über den FDP-Politiker Rainer Brüderle mit seinen Tanzkarten gewesen war. Netzaktivisten beiderlei Geschlechts hatten seine Reputation zerstört, obwohl er schlicht unschuldig war. Der Fall Wedel ist damit nicht vergleichbar.

          Dafür mussten die Zuschauer nur Patricia Thielemann zuhören. Sie gehört zu den Frauen, die Wedel in der Wochenzeitung „Zeit“ belasteten. Ob sie mit ihrer Oberweite ein Dirndl ausfüllen konnte, war allerdings nicht ihr Problem. Vielmehr ging es um den Einsatz massiver Gewalt, um Geschlechtsverkehr zu erzwingen. Frau Thielemann machte deutlich, was diese exponierte Position in der öffentlichen Debatte für sie bedeutet. Wer will sich dem schon freiwillig aussetzen, wenn gleichzeitig die intimsten Details des eigenen Lebens öffentlich werden?

          Dem Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, waren seine Skrupel anzumerken. Schon vor der ersten Veröffentlichung wird ihm klar gewesen sein, dass er damit die Reputation Wedels zerstört. Er nannte es „eine Frage des Anstands, so gezielt wie möglich vorzugehen.“  Es ginge, so Di Lorenzo, um sieben recherchierte und der Kenntnis von zweiundzwanzig Fällen. Zudem hätten 160 Personen damit etwas zu tun gehabt. Wedel hat bisher auf die von ihm vorher angedrohten presserechtlichen Sanktionen verzichtet.

          Für den ZDF-Intendanten Thomas Bellut ist Wedel ein besonderes Problem. Schließlich war dieser für einige der erfolgreichsten Produktionen des Senders verantwortlich. Bellut habe daher „Untersuchungen angeordnet“, die aber noch nicht abgeschlossen sind. Allerdings wären in den Akten bisher nichts gefunden worden. Diese werden beim ZDF aber nach zehn Jahren geschreddert, wie Di Lorenzo deutlich machte. Wie soll man dort also etwas finden, was länger zurückliegt? Jenseits dessen berichtete Bellut von E-Mails, „auch von Schauspielerinnen.“ Letztere wollten anonym bleiben, aber „genau berichten“. Das war zweifellos eine der seltsamsten Bemerkungen des Abends, denn was sollen sie sonst tun? Ungenau berichten? Eine Falschaussage ankündigen?

          Da passte es gut, wenn Bellut zugleich ein gewisses Versäumnis des Senders einräumen konnte. Vor allem, wenn es niemanden weh tut. So wäre der Bereich der Auftrags-Filmproduktion in der fraglichen Zeit „unbeobachtet“ gewesen. Wedels Hotelzimmer sowieso. Wenn man etwas nicht beobachtet, bekommt man halt nichts mit. Gott seìs geklagt.

          Dass im ZDF aber niemand etwas von von Wedels tyrannischen Führungsstil mitbekommen haben will, ist kaum zu glauben. Dort stand auch schon vor den neuen Vorwürfen die Demütigung von Schauspielerinnen auf dem Programm, das galt bei Wedel wohl fast schon als Kunstform. Er machte daraus auch nie ein Geheimnis.

          Schweigekartell?

          Es steht aber nun einmal der Vorwurf des Schweigekartells im Raum. Für Di Lorenzo geht es nicht zuletzt um diese Frage. „Warum hat keiner gesagt: Schluss?; wie es Bellut formulierte. Das kann nicht nur an den Zeitumständen liegen. An einen vermeintlichen „Genie-Kult“, wie ihn der Filmproduzent Benjamin Benedict bei Wedel diagnostizierte. Für Genies galt auch vor dreißig Jahren das Strafgesetzbuch. Damals war sexuelle Gewalt übrigens auch schon ein Thema, nicht zuletzt dem Engagement von Feministinnen zu verdanken. Junge Schauspielerinnen waren scheinbar das bevorzugte Opfer Wedels, so Di Lorenzo. Deren Scheu, sich in einem öffentlichen Verfahren zum gefundenen Fressen einer Pressemeute zu machen, ist nachvollziehbar. Das gilt bis heute.

          Welchen Untiefen solche Verfahren ausgesetzt sind, machte nicht zuletzt der Fall von Jörg Kachelmann deutlich. Es gab aber scheinbar niemanden aus dem Umfeld Wedels, der es ernsthaft wagte, sich mit ihm anzulegen.

          Nur ist Charakter keine Frage der Zeitumstände, oder gar ominöser Strukturen. Diese werden lediglich von Feiglingen als Erklärung angeführt, warum sie nichts taten. Wedel war zwar in der Filmbranche in mächtiger Mann. Er konnte aber niemanden einsperren lassen, oder dessen bürgerliche Existenz vernichten. Es betrifft jene Generation, die ihre Eltern mit der Frage traktierte, warum sie nichts gegen die Nazis machten. Hier ließ man sich schon vom kleinen Diktator am Set einschüchtern.

          „Übermächtiger Phallus“

          So blieb es vor allem der Publizistin Svenja Flaßpöhler überlassen, die richtigen Fragen zu stellen. Sie fragte sich nicht nur, was das alles noch mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat. Vor allem kritisierte sie aber das Frauenbild, das in der gegenwärtigen Debatte zum Ausdruck kommt.  Frauen würden „in eine infantile Rolle gedrängt“, unfähig zu handeln. Sie werden allein als Opfer betrachtet, einem „übermächtigen Phallus“ ausgeliefert. Das „weibliche Begehren“ spielt in dieser Perspektive keine Rolle, so Frau Flaßpöhler. Kurioserweise wird dieses Frauenbild aber heutzutage nicht von Konservativen wie der AfD-Politikerin Alice Weidel formuliert, sondern von Feministinnen.

          Diesen Typus repräsentiert die Netzaktivistin Anne Wizorek, die vor fünf Jahren den #Aufschrei erfand. Es ist ein Feminismus, der sich vor allem durch die völlige Entgrenzung von Begriffen auszeichnet. So spricht Frau Wizorek gerne von „sexualisierter Gewalt.“ Nur kann darunter halt alles gemeint sein, von der Belästigung bis zur Vergewaltigung. Wobei Frau Flaßpöhler feststellt, dass sie noch keine sexualisierte Gewalt erlebt hatte, Belästigung allerdings schon. Und sie machte zugleich die Ambivalenz der Erotik deutlich, wo die Grenzen zwischen Verführung und Belästigung bisweilen schwer zu ziehen sind. Ansonsten bekommt die Erotik wirklich den Charme eines Aktenvorgangs. Das vermag aber wohl noch nicht einmal Juristen in Stimmung zu bringen.

          Frau Wizorek sucht nach Eindeutigkeit, wo es Eindeutigkeit kaum geben kann. Aber da, wo sie angemessen wäre, sucht man sie bei ihr vergeblich. Etwa zwischen strafbaren Handlungen und kommunikativen Irritationen zu differenzieren. Insofern kann es nicht überraschen, wenn Kunstwerke in Vertretung ihres Schöpfers längst zum Gegenstand der Verdammung gemacht werden sollen. So hielt es Frau Wizorek für sinnvoll, den Schauspieler Kevin Spacey nachträglich aus Filme herauszuschneiden. So ein Verhalten müsste „Konsequenzen haben.“ Nun ist dessen Weltkarriere inklusive seines Leumundes in wenigen Wochen regelrecht pulverisiert worden. Aber jenseits dessen ist dieser Zeitgeist sogar bereit, historische Kunstwerke seinem strengen Reglement zu unterwerfen. So geschehen in der Manchester Art Gallery unter dem bemerkenswerten Motto: „Lasst uns dieser viktorianischen Phantasie entgegentreten!“ Warum man das noch mehr als hundert Jahre später machen muss, ist unklar.

          Da fragt man sich wirklich, von welchen Dämonen die Initiatoren dieser Aktion besessen sein müssen. Oder droht uns bei Dieter Wedel Vergleichbares? Unter Umständen werden Wiederholungen seiner Filme bald mit den Worten eingeleitet, es beim Regisseur mit einem Unhold zu tun zu haben. Und während der Übertragung könnten Untertitel eingeblendet werden, um den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, sich auf einem virtuellen Pranger zu verewigen. Bei Rainer Brüderle kam übrigens bis heute niemand auf die Idee, sich zu entschuldigen. In der Beziehung funktioniert das Schweigekartell der Puritaner im feministischen Kostüm tadellos.

          Weitere Themen

          Sie wollen den Krieg

          FAZ Plus Artikel: Boogaloo-Bewegung in Amerika : Sie wollen den Krieg

          Eine amerikanische Internet-Bewegung, die auf einen Umsturz sinnt, wittert in der Pandemie und den Protesten ihre Chance. Die „Boogaloo Boys“, die sich in vielen Städten unter die Demonstranten mischen, sind bewaffnet und gefährlich.

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Fluggesellschaft : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Gewalt in Amerika : Ein anderes Recht für Polizisten

          In Amerika kommen besonders viele Menschen durch Polizeigewalt ums Leben. Doch nur wenige der Staatsdiener werden vor Gericht verurteilt.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.