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TV-Kritik: Maybrit Illner : Protest der Etablierten

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Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über die große Koalition. Bild: ZDF/Claudius Pflug

Maybrit Illner beschäftigte sich in ihrer Sondersendung mit den Folgen der Europawahl. Sie lieferte damit ungewollt einen interessanten Einblick in unsere gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse.

          Politiker seien „Generalisten mit dem Spezialwissen zur Bekämpfung des politischen Gegners“. So formulierte es im Jahr 1992 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er zielte damit auf Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), dem er in herzlicher Abneigung verbunden war. Das ist zwar lange her, aber dieses Wissen ist keineswegs verloren gegangen. So informierten uns bei Maybrit Illner altmodische Journalisten wie Claudia Kade („Welt“) und Hans-Ulrich Jörges („Stern“) über die derzeitigen Frontverläufe in SPD und CDU. Wobei Frau Kade den zutreffenden Eindruck vermittelte, solche innerparteilichen Machtkämpfe könnten an der Misere der in einer Koalition verbundenen Union und Sozialdemokraten nichts mehr ändern. Für die SPD ist es tatsächlich gleichgültig, ob sie ihre Vorsitzende wieder einmal austauscht, oder es halt lässt.

          Betuliche Gesprächsrunde mit inhaltsleeren Floskeln

          Beide wurden mit einem gemeinsamen Interview in diese Sendung eingebunden. Sie waren die Zaungäste in einer Sendung, die nach dem Wahldesaster der beiden früheren Volksparteien und dem medialen Zirkus um das Video von Rezo ein bemerkenswertes Experiment wagte. In der Runde von Frau Illner saßen vier junge Leute als Repräsentanten ihrer Generation. Zum einen die für die CDU sicherlich unkonventionelle Diana Kinnert und für die SPD deren frühere Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann aus dem Landesverband Bayern. Zum anderen der als LeFloid bekannt gewordene Youtuber Florian Diedrich und für „Fridays for future” die Politikstudentin Carla Reemtsma aus Münster. Das Thema entsprach Weizsäckers Definition des Politikers als Generalisten: „Das GroKo-Desaster – falsche Themen, falsche Antworten?"

          Zur gleichen Zeit bekam die Bundeskanzlerin in Harvard einen Ehrendoktortitel. Den hat sie sich verdient, weil sie im linksliberalen Amerika spätestens seit der Grenzöffnung im Jahr 2015 als Antithese zum derzeitigen Präsidenten gilt. Ihr unprätentiöses Auftreten ist in den Vereinigten Staaten zudem nicht gerade das, was dort mit Politikern verbunden wird. Bezeichnenderweise bekam Angela Merkel diese Ehrendoktorwürde aber auch für politische Verdienste, die sie ursprünglich abgelehnt hatte: den Atomausstieg, die Einführung des Mindestlohns und der „Ehe für alle”. Die Bundeskanzlerin ist zum Idealtypus eines Politikverständnisses der Multioptionalität geworden, das man allerdings auch Pragmatismus oder Opportunismus nennen könnte. Insofern war ihre lange Amtszeit sicherlich stilprägend.

          Mittlerweile erleben wir nicht nur bei uns das Gegenteil. Während die Bundeskanzlerin in den lichten Höhen staatsfraulicher Attitüde verschwunden ist, dominiert auf Erden die harte Polarisierung und Zuspitzung. Das filmische Pamphlet von Rezo war in seiner grandiosen Machart nur das jüngste Beispiel. Aufregung verursachte es, weil es aus einem ansonsten unpolitischen Unterhaltungssegment kam. Nun fragte man sich, was die Zuschauer zu erwarten hatten? Angela Merkels Beliebigkeit oder die harte Kontroverse? Es wurde eine betuliche Gesprächsrunde mit inhaltsleeren Floskeln. So wusste Frau Kinnert mit folgenden Worten einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: „Das ist eine Frage, die ich gar nicht beantworten kann. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, die wir uns auch im digitalen Raum stellen müssen.” Es ging um die von ihrer Parteivorsitzenden aufgeworfenen Frage nach Konsequenzen aus dem Rezo-Video. Dagegen ist Zahnpasta-Werbung vergleichsweise informativ.

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