https://www.faz.net/-gqz-aa145

TV-Kritik Maybrit Illner : Fassungslos

  • -Aktualisiert am

Michael Müller (Regierender Bürgermeister von Berlin), die Theologin Margot Käßmann, die Autorin Düzen Tekkal sowie Karl Lauterbach (SPD-Politiker und Epidemiologe) und der parteilose Oberbürgermeister von Rostock, Claus Ruhe Madsen waren bei Maybrit Illner zu Gast. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Die Wirrnis um die Osterruhe ist nicht der Höhepunkt, sie steht vielmehr exemplarisch für das Versagen der deutschen Corona-Politik. Auch bei Maybrit Illner stellte sich die Frage: Was soll das?

          4 Min.

          Was soll das? Es sind diese drei Worte, die einem an diesem Abend bei der Sendung von Maybrit Illner immer wieder durch den Kopf gehen werden. Natürlich widmet sich die Sendung dem Thema Corona und Frau Illner stellt die Frage: „Panisch durch die dritte Welle – Deutschland auf der Notbremse?“

          Beantworten sollen diese Frage Michael Müller (Regierender Bürgermeister von Berlin), die Theologin Margot Käßmann, die Autorin Düzen Tekkal sowie Karl Lauterbach (SPD-Politiker und Epidemiologe) und der parteilose Oberbürgermeister von Rostock, Claus Ruhe Madsen. Am Ende der Sendung wird der Rapper Smudo von den Fantastischen Vier noch kurz die Luca-App vorstellen, die er mitentwickelt hat.

          Schon als Maybrit Illner ihre Gäste vorstellt, drängen sich das erste Mal die drei Worte auf: Was soll das? Die spezielle Corona-Expertise von Frau Tekkal oder von Frau Käßmann wird jedenfalls nicht klar. Auch nicht später im Verlauf der Sendung. Und ja, Michael Müller gehört zumindest als derzeitiger Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz zu jenen Entscheidern, die die deutsche Corona-Politik maßgeblich mitverursachen. Und dieser Rolle wird Müller auch an diesem Abend bei Maybrit Illner vollauf gerecht – was durchaus als Kritik verstanden werden sollte.

          Denn: Von inhaltsleeren Phrasen wie „Das erschien mir als gangbarer Weg“, „Das war dann wohl nicht zu Ende gedacht“ haben die Zuschauer ebenso genug wie von vermeintlichem Eigenlob, dass die Impfkampagne in Berlin doch an Fahrt aufgenommen habe und man aktuell sagenhafte 5000 Menschen impfe. Oder, dass man nun neun Pilotprojekte wage, die ein Gefühl für die Lage ermöglichen sollen.

          Eigenlob – bis selbst Illners Geduld am Ende ist

          Man hört diese Worte und kann sich nicht entscheiden, was schlimmer ist. Ein Lob auf 5000 Impfungen pro Tag? Mit diesem wahnsinnigen Tempo wären Berlins 3,8 Millionen Einwohner in 760 Tagen geimpft, zumindest einmal. Wobei die lineare Prognose natürlich hinkt, denn das Impftempo wird sehr wahrscheinlich irgendwann wirklich zulegen. Die Hoffnung… Sie wissen schon.

          Oder ist doch Müllers vermeintlicher Wagemut schlimmer, nach knapp einem Jahr lockdowngeprägter Pandemie-Politik Pilotprojekte zu wagen, um ein Gefühl für die Lage zu bekommen? Beides lässt einen fassungslos zurück. Und schon wieder hört man eine innere Stimme die drei Worte sagen: Was soll das?

          Später in der Sendung wartete Müller tatsächlich mit einer weiteren Erfolgsmeldung auf, wonach man nach dem Hickhack um den Impfstoff Astra-Zeneca nun vermehrt Hausärzte einbinden wolle, da diese bei den Menschen mehr Vertrauen schaffen könnten. An dieser Stelle war selbst die Geduld von Maybrit Illner am Ende; sie verwies kurzerhand darauf, dass Karl Lauterbach ebendies schon vor Wochen gefordert hatte.

          Welche Folgen ein solches Verhalten hat, zeigen aktuelle Umfragen: Haben zu Beginn der Pandemie im April 2020 noch 75 Prozent der Befragten die Arbeit der Regierung positiv bewertet, sind es im März 2021 gerade einmal noch 30 Prozent. Parallel dazu stiegt die negative Bewertung von einst 17 Prozent auf inzwischen 62 Prozent.

          Lauterbach gibt den Gesundheitsminister der Herzen

          Blieben an diesem Abend bei Maybrit Illner noch Karl Lauterbach, den viele bereits als Gesundheitsminister der Herzen ansehen, und der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen, der längst über die Stadtgrenzen hinaus als unkonventioneller Pragmatiker bekannt ist.

          Lauterbach stellte gleich zu Beginn seiner Ausführungen klar, dass ein Lockdown über Ostern, die sogenannte erweiterte Ruhezeit, epidemiologisch nichts gebracht hätte. Er forderte vielmehr, dass nächtliche Ausgangssperren verhängt werden sollen. Entscheidend dabei wäre der Inzidenzwert von mehr als 100. Die dritte Welle werde aufgrund der B.1.1.7-Virusvariante fulminant werden, Kinder und junge Menschen werden erkranken, bei rund 10 Prozent der Infizierten müsse man gar mit einem schweren Verlauf rechnen. Man dürfe sich keiner Illusion hingeben, so Lauterbach.

          Vielmehr bedarf es einer klaren Ansage – und die lautet bei ihm: Durch einen neuen Lockdown Kontrolle über die Neuinfektionen bekommen und erst danach Modellprojekte und Öffnungsschritte einleiten. Man dürfe die Bürger nicht wie Kinder behandeln und deshalb aus falscher Rücksicht schlechte Nachrichten vermeiden. Und so erklärt Lauterbach offenherzig: Auch wenn man jetzt keinen neuen Lockdown beschließe, er werde kommen. „Dann wird er eben später erlassen und dafür länger ausfallen müssen“, warnt Lauterbach. Aber im Grunde wolle er den Menschen Hoffnung geben – und zwar durch die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie.   

          Madsen wartet auf den Zug

          Claus Ruhe Madsen ist völlig anderer Meinung. Er bekämpft in Rostock bislang mit eigenen Ideen erfolgreich das Coronavirus. Und so leitete er an diesem Abend nahezu jede Aussage mit den Worten ein: Ich möchte ganz kurz noch Bezug nehmen auf die Aussagen von Herrn Lauterbach. Für Madsen war Angela Merkels Entschuldigung „Ich bitte die Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung“ übertrieben. Statt einer solchen Formulierung hätte er von der Bundeskanzlerin lieber gehört, was man stattdessen mache wolle im Kampf gegen Corona. Von Führungskräften erwarte er einen Fahrplan. Es sei wie beim Warten auf den Zug: Sage man den Leuten, der Zug komme in zwei Stunden, würden die Menschen warten, vielleicht in der Zwischenzeit noch einen Kaffee trinken, aber alles funktioniere. Nicht funktionieren würde es, wenn man zwei Stunden warten und kein Zug komme oder woanders ankomme.

          Deutschland gehe die Pandemie aus Verwaltungssicht an statt aus der Sicht der Menschen. Nur so könne er sich die Idee eines Fünf-Tage-Lockdowns zu Ostern erklären: Schnell zu beschließen, aber nicht nachgedacht, wie die Menschen darauf reagieren würden. Sei alles geschlossen, bliebe den Bürgern nämlich nichts Anderes übrig, als fünf Tage lang die Decke anzustarren oder zum Nachbarn zu gehen und dort ein Glas Wein zu trinken. Man dränge die Menschen quasi durch Verbote zu privatem Zusammenkünften, die inzwischen als Infektionsherde ausgemacht wurden.

          Ohnehin sei es nicht genug, nur immer wieder neue Lockdowns zu beschließen. Noch drei Lockdowns und dann ist Weihnachten sei ein Spruch, den er immer häufiger höre. Er wünsche sich mehr Pragmatismus und Mut, neue Konzepte auszuprobieren. Doch in Deutschland sei es immer so: Man habe ein Problem, dafür entwickele man eine Lösung und zehn neue Probleme. Dabei sei man in der Bekämpfung des Coronavirus inzwischen doch viel weiter. Es gäbe ausgefeilte Hygiene- und Sicherheitskonzepte. „Nur weil ein Schuhladen aufmacht, haben wir doch nicht gleich tausend Neuinfektionen“, meinte Madsen.

          Nur so funktioniert eine Talkshow   

          Und so entwickelten sich Lauterbach und Madsen zu den Antipoden der Sendung: Lauterbach mahnte, warnte und forderte neue scharfe Maßnahmen, während Madsen die Zeit für Öffnungskonzepte, Hoffnung und Mut gekommen sieht. Über beide Sichtweisen lässt sich diskutieren. Man mag zu ihren jeweiligen Forderungen stehen, wie man will. Aber sowohl Lauterbach wie auch Madsen vertreten zumindest eine klare Haltung, für die sie jeweils auch Argumente ins Feld führten. Und nur so ergibt eine Talkshow einen Sinn.

          Bliebe noch die Moderatorin: Maybrit Illner gehörte an diesem Abend leider in die Kategorie der drei Worte: Was soll das? So stellte die Moderatorin beispielsweise der Theologin Käßmann folgende Frage: „Die Christen freuen sich jetzt auf das Osterfest. Worauf freuen sich all diejenigen, die nicht Christen sind?“ Kurz darauf wollte Frau Illner offenbar witzig sein, als Claus Ruhe Madsen forderte, den Menschen wieder Sport zu erlauben, kam es der Moderatorin über die Lippen: „Da wird der Rostocker zum Saarländer.“ Danach konnte sie sich vor Lachen über ihren Gag kaum noch halten. Ihre Gäste saßen regungslos im Studio oder am Fernseher und hörten wahrscheinlich wieder die drei Worte: Was soll das?

          Weitere Themen

          „Barry Lyndon“ (1975) Video-Seite öffnen

          Trailer : „Barry Lyndon“ (1975)

          „Barry Lyndon“, Reg. Stanley Kubrick. Mit: Ryan O’Neal, Marisa Berenson, Patrick Magee. USA/UK, 1975.

          Topmeldungen

          Markus Söder und Armin Laschet bei der Jahreskonferenz der Ministerpräsidenten

          Söder oder Laschet? : Eigentümlich inhaltsleer

          Zwei Politiker zogen in einen Wettkampf, der keine Spielregeln hat. Nicht der Streit ist darum das Problem, sondern seine Formlosigkeit auf offener Bühne.

          K-Frage der Union : Der entspannte Herr Söder

          In einem Auftritt vor der Presse gibt sich CSU-Chef Markus Söder auffallend konziliant und bekundet „Respekt vor allen Gremien“ der CDU. Sieht so jemand aus, der fürchten müsste, dass sich die Schwesterpartei am Abend gegen ihn ausspricht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.