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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Neue Situationen gibt es immer mal wieder

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Maybrit Illner diskutiert am 14. Dezember mit ihren Gästen (von links) Peter Frey, Sigmar Gabriel, Maybrit Illner, Edmund Stoiber, Serdar Somuncu und Melinda Crane. Bild: ZDF

Rollentausch bei Maybrit Illner: Edmund Stoiber wechselt ins Fach der Gebärder. Der Kabarettist Serdar Somuncu sieht sich als künftigen Bundeskanzler. Und Sigmar Gabriel wird dann Kabarettist.

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          Bevor sie ihre Berufungen tauschen, arbeiten die Gäste jedoch noch – halbwegs – in den Rollen, für die sie eingeladen wurden. Dass mit Peter Frey der Chef der Gastgeberin in der Runde sitzt, wirkt wie eine Generalprävention gegen Vorwürfe, denen sich die politischen Talkshows im zu Ende gehenden Jahr ausgesetzt sahen. Haben sie Probleme klein geredet und neue Parteien groß gemacht? Davon kann schon deshalb keine Rede sein, weil man damit die Bedeutung der Talkshows im Betriebssystem der Politik und der öffentlichen Meinungsbildung überschätzen würde. Sie sind Echokammern für die politischen Diskurse. Selten sind Augenblicke, in denen ein neuer politischer Gedanke entwickelt wird. Der Erfolg der AfD kam eher trotz und nicht wegen der Präsenz von Parteivertretern in den Talkshows zustande.

          Politische Hängepartie

          Im Mittelpunkt der Sendung stand die Hängepartie auf dem Weg zur nächsten Bundesregierung. Noch immer reden alle von einer großen Koalition. Davon kann mit 53 Prozent keine Rede sein. Die beteiligten Parteien reden sich größer, als sie sind. Erstaunlich die Harmonie zwischen den Duzfreunden Gabriel und Stoiber. Der CSU-Politiker hat Verständnis für die Sorgen der dezimierten Sozialdemokraten. Kabarettist Somuncu beschreibt die Neuauflage der Koalition zwischen Union und SPD als den Weg von einer Zwangsehe zu einer offenen Zweierbeziehung. Ein schaler Witz. Er erfasst nicht die Tragikomik der derzeitigen Situation. Natürlich wollen die Sozialdemokraten weiter regieren. Nur ihr Parteivorsitzender tut noch so, als habe er das nicht verstanden.

          Die Aussage, Deutschland brauche eine stabile Regierung, hat inzwischen den Charakter einer Beschwörung angenommen, die durch zu häufige Wiederholung an Kraft verliert. Die gegenläufigen europapolitischen Positionen der Unionsparteien und der SPD taugen in der europäischen Politik bestenfalls zu einer Bremse, kaum zu einer strategisch weitsichtigen Antwort auf die Initiativen des französischen Präsidenten. ZDF-Chefredakteur Peter Frey bemüht sogar das abgegriffene Bild des „Stabilitätsankers“, um die Rolle Deutschlands in Europa zu beschreiben. Haben die designierten Verhandlungsführer noch Prokura für ihre Parteien? Wie belastbar ist sie, wenn es bei den Koalitionsverhandlungen zu strittigen Themen kommt?

          Ein glückliches Land?

          Illners Gäste spielen über Bande. Gabriel wundert sich, warum Stoiber nicht in die SPD wechselt, und bekräftigt ungefragt, dass der Wahlslogan der CDU ein glückliches Land beschrieb. Weder Neuwahlen noch eine Neuauflage der bisherigen Koalition seien eine Katastrophe. Die Politik zeige sich nicht auf der Höhe des Wandels, der die Gesellschaft individueller und egoistischer gemacht habe. Der Wandel mache es auf Dauer schwieriger, politische Bündnisse zu formen. Die Politik habe Autorität verloren. Das muss ihr nicht zum Nachteil gereichen, wenn sie die Rolle des Vermittlers aktiver ausfüllte.

          Serdar Somuncu hält dagegen. Er wirft Gabriel vor, die SPD habe das Flüchtlingsthema der AfD überlassen, und merkt gar nicht, wie komisch der Vorwurf ist. Gabriel reagiert darauf erstaunlich gelassen und räumt ein politisches Repräsentationsdefizit ein. Als fatal bewertet er den Streit zwischen CDU und CSU und plädiert für eine Sozialpolitik, die Lösungen für alle anbiete. Die AfD verdanke ihren Erfolg dem Gefühl von Wählern, in den politischen Elitediskursen nicht mehr vorzukommen.

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