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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Rette sich, wer kann!

  • -Aktualisiert am

Wohlstandsdiskussion bei Maybrit Illner Bild: ZDF

Handelskrieg und Klimawandel: Ist Deutschlands Wohlstand in Gefahr? Bei Maybrit Illner klopft sich Wirtschaftsminister Altmaier selbst auf die Schultern. Grünen-Chef Habeck versucht sich an einer staatsmännischen Pose.

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          Die wirtschaftspolitische Diskussion schlägt in jüngster Zeit einen Ton an, der bisher der Theologie vorbehalten war. Wo von der Politik Heil erwartet oder versprochen wird, wächst Konfusion im Quadrat. Der Name des Arbeitsministers hat damit nichts zu tun, auch wenn er in den kommenden Monaten häufiger zu hören und zu sehen sein wird als bisher. Das liegt daran, dass die Bundesrepublik auf eine Rezession zusteuert, nicht nur auf eine kleine Wachstumsdelle. Der amerikanische Präsident hat in dieser Woche vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Rede gehalten, in der er sich brachial von der bisherigen Rolle der Vereinigten Staaten als Garantiemacht einer florierenden Weltwirtschaft verabschiedet. Trumps Kritik am „Globalismus“ stimmt einen Ton an, der bisher Domäne von rechtsradikalen Spinnern war. So lange Trump im Amt ist, so viel ist nach dieser Rede zu erwarten, wird er die begonnenen Handelskriege weiter eskalieren und das wird im vierten Jahr seiner Amtszeit besonders hart die Bundesrepublik treffen, die als Exportweltmeister die Schattenseite ihres bisherigen Erfolgsmodells erleben könnte.

          Kein Bedarf an Glaubensbekenntnissen

          Wenn Exportmärkte wegbrechen, sei es infolge einer globalen Rezession, sei es infolge erfolgreicher Wettbewerber, sei es durch eskalierende Handelskriege, dann ist es an der Zeit, bei den Tüftlern und Denkern in Politik und Wirtschaft endlich damit aufzuhören, mit Glaubensbekenntnissen hausieren zu gehen. Dann nützt es auch nicht, sich darüber wie Peter Altmaier in der Sendung von Maybrit Illner auf die Schulter zu klopfen, dass es zur Zeit so viel Arbeitsplätze wie noch nie in Deutschland gibt. Es wird dabei nicht bleiben. In der Politik zählen nicht die Gewinne von gestern, sondern die Verluste von morgen.

          In diese Gemengelage grätscht mit Nina Treu die Verfechterin eines Wirtschaftsmodells hinein, das unter dem Label „Degrowth“ Abschied von der bisherigen Idee des Wirtschaftswachstums nimmt. Sie trägt die Argumente dafür mit einem Eifer vor, der verträglicher wäre, untermauerte sie ihn mit Fakten, die über die banale Feststellung hinausgingen, dass es viele Arme und wenige Reiche gibt.

          Robert Habeck versucht, Frau Treus Ball leicht abgebremst weiterzuspielen, setzt nicht mehr auf maximales Wachstum, sondern auf mehr Lebensqualität. Da fehlte leider die Rückfrage von Gastgeberin Illner, wie die denn aussähe und wodurch sie sich von der heutigen unterschiede.

          „Ungelöstes Problem“?

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier findet das Unsinn. Er räumt ein, dass es mit dem Klimawandel ein ungelöstes Problem gebe. So verniedlicht ein Bundesminister die Beschlüsse des Klimakabinetts und bindet das ab mit dem Stoßseufzer, dass die soziale Marktwirtschaft das Modell für die Zukunft bleibe. Sein Wort in Gottes Ohr! Die Wirtschaftsjournalistin Carolin Roth ist auf diesem Ohr glücklicherweise taub und steckt den analytischen Finger in die schwärende Wunde des deutschen Erfolgsmodells: es leide an strukturellen Problemen.

          Frau Treu geht es um das Überleben der Menschheit. Kleiner geht es nicht. Schade, dass auch hier die Nachfrage ausbleibt, was darunter zu verstehen sei und wie die Umkehr aussehen müsste. Treu findet dafür einen so doktrinären Ton, dass sie in dieser Runde trotz des verständnisbereiten Grünen ins Leere läuft.

          Mit Karl Haeusgen sitzt der Vizepräsident des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus in der Runde. Mit halbgaren Sachen kann er nichts anfangen. Ohne Ehrgeiz gelingt nichts. Hart urteilt er über das Klimapaket der Bundesregierung: es müsse deutlich verstärkt werden. Er plädiert für einen CO2-Preis von 110 Euro für die Tonne, was den Benzinpreis um 12 Cent teurer machen würde, als er im Jahr 2012 schon war, ohne dass damals der Absatz eingebrochen wäre. Altmaier verkneift sich an diesem Abend, die politischen Gründe für das Vorgehen der Bundesregierung zu wiederholen. Sie will in Deutschland keine Gelbwesten auf den Plan rufen.

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