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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Gespensterjagd im Wahlkampf

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über den Dieselskandal. Er könnte die bevorstehende Wahl in Hessen entscheiden. Bild: ZDF/Jule Roehr

Kurz vor der Landtagswahl in Hessen beschäftigt sich Maybrit Illner mit dem Dieselskandal: Die Autofahrer könnten schließlich die Wahl entscheiden. Ein Schauspiel, wie sich Politiker um die richtigen Botschaften mühen.

          Wahrscheinlich müssen sich Deutschlands Allergologen um ihre berufliche Zukunft ernsthaft Sorgen machen. Ob das Kanzleramt zu einem Allergologen-Gipfel zur Rettung der angeschlagenen medizinischen Fachrichtung einladen wird, ist zwar noch nicht bekannt. Trotzdem war die Botschaft in der Sendung von Maybrit Illner zum Dieselskandal für die Branche verheerend. Laut der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann sind Stickoxide „sehr gefährlich.“ Sie erzeugten „Herz-Kreislauferkrankungen, Asthma und Allergien“ und machten „die Haut undicht wie ein Sieb. Deshalb haben wir vierzig Prozent Allergiker in Europa.“

          Die Fachfrau wies zudem auf die langfristigen Folgen solcher Umweltgifte für die menschliche Gesundheit hin. Die heutigen Fälle sind somit das Ergebnis der früheren Umweltbelastung, die unbestritten wesentlich höher war als heute. Das gilt in gleicher Weise für die jährlich sechstausend Stickoxid-Toten allein in Deutschland. Wobei Frau Traidl-Hoffmann sich hier eher vorsichtig ausdrückte. Sie hielt es lediglich für „realistisch, dass diese Schadstoffe zu frühzeitigem Tod führen.“ So konstruierte die Münchner Umweltmedizinerin aus einer statistischen Korrelation zur Abschätzung von Stickoxid-Risiken faktisch einen kausalen Zusammenhang.

          Im Umkehrschluss müsste somit die drastische Reduzierung der Stickoxidemissionen zu einem dramatischen Rückgang wohl nicht nur der Allergiefälle führen. Oder es jedes Jahr sechstausend Sterbefälle weniger geben. Das Problem solcher logischen Umkehrschlüsse ist zumeist ihre fehlende Logik. So werden sich für die von Frau Traidl-Hoffmann genannten Zivilisationskrankheiten noch genügend andere Umwelteinflüsse finden lassen. Aus diesem Grund war aber der Satz von Frau Traidl-Hoffmann, „deshalb haben wir 40 Prozent Allergiker in Europa“, aufschlussreich. Unter dieser Voraussetzung wäre der Umkehrschluss nämlich möglich.

          Das versprechen aber im Endspurt des hessischen Landtagswahlkampfes nicht einmal radikale Umweltschützer. In Wirklichkeit ging es gestern Abend auch nicht um die Volksgesundheit. Vielmehr ist die Stickoxid-Debatte zum juristischen Vehikel für den Kampf um zukünftige Mobilitätskonzepte geworden. Nur dort gibt es mit der entsprechenden EU-Richtlinie einen Hebel, um notfalls über Fahrverbote für Pkw mit Dieselmotoren genügend Druck zugunsten einer Verkehrswende auszuüben.

          Damit ist die deutsche Politik seit drei Jahren auf einer „politischen Geisterfahrt“, um einmal den Titel dieser Sendung zu zitieren. Die wichtigsten Fahrgäste dieser Geisterfahrt waren eingeladen. Für die Verkehrswende stritt neben Frau Traidl-Hoffmann der frühere Parteivorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Die Gegenposition vertrat Herbert Diess als Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Der Konzern hatte bekanntlich mit seinen betrügerischen Manipulationen am Dieselmotor in den Vereinigten Staaten die Fahrt ins Ungewisse erst ausgelöst. Außerdem war noch Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) eingeladen.

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