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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Psychologischer Eiertanz um die Konjunktur

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner und ihre Gästen klären den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Psychologie. Bild: ZDF / Claudius Pflug

Es mehren sich die Anzeichen einer konjunkturellen Eintrübung. Von Krise oder Rezession will jedoch keiner sprechen. Das führt bei Maybrit Illner zu abstrusen Sprachverrenkungen.

          Wirtschaft sei zu fünfzig Prozent Psychologie, so formulierte es einmal der frühere Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard. Dieser Satz ist ein Klassiker, war aber in den vergangenen Jahren nur noch selten zu hören. Das war gestern Abend bei Maybrit Illner anders. So sprach Manfred Weber (CSU) von diesem Zusammenhang zwischen „Wirtschaft und Psychologie“, um vor dem „Herbeireden einer Krise“ zu warnen. Im Titel der Sendung kam das so zum Ausdruck: „Die fetten Jahre sind vorbei – wofür ist noch Geld da?“

          Nun halten Ärzte das Maßhalten nach der Völlerei für eine gute Idee, was sogar schon Erhard während des ungestümen Wachstums der Wirtschaftswunderjahre empfahl. Der Satz von Weber, des Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP) bei der Europawahl, beschrieb recht gut die Atmosphäre dieser Sendung. Die Begriffe „Krise“ oder „Rezession“ wurden wie ein rohes Ei behandelt. Niemand wollte ein falsches Wort riskieren, ohne aber die vom Ifo-Präsidenten Clemens Fuest diagnostizierte Konjunkturabschwächung verharmlosen zu wollen.

          Für Olaf Scholz (SPD) gehört solche Vorsicht zur Amtsbeschreibung. Ein Bundesfinanzminister ist schließlich auch der einzige Minister, der seine Existenzberechtigung nicht über zusätzliche Ausgaben definiert.

          Eiertanz um die Konjunktur

          So erlebten die Zuschauer bei Maybrit Illner einen wahren Eiertanz um die Konjunktur. Die Wirtschaftsjournalistin Carolin Roth brachte es in dieser Disziplin zu einer gewissen Meisterschaft. Sie sprach zwar von bevorstehenden „harten Zeiten“, um aber zugleich eine Rezession auszuschließen. Auf die Idee muss man erst einmal kommen, sie ist aber psychologisch nachvollziehbar.

          Seit dem historischen Wirtschaftseinbruch von 2009 erlebt dieses Land einen anhaltenden Aufschwung. Das seit der Wiedervereinigung dominierende Krisengefühl bestimmt längst nicht mehr das Bewusstsein der Bürger. So warnte Fuest davor, den „Standort Deutschland als Selbstläufer“ zu betrachten. Er stellte auch die Ausgabenpolitik der vergangenen Jahre auf den Prüfstand. Dort kam sie nur nicht mehr herunter. So vermied Fuest die Forderung nach konkreten Einschnitten in den Sozialetat. Man hätte etwa an die Kürzung der umstrittenen Mütterrente denken können. Das hätte aber nicht zu seiner Argumentation gepasst, den Solidarzuschlag für alle Steuerzahler aus verfassungsrechtlichen Gründen abzuschaffen.

          Die Kombination aus Ausgabenkürzungen mit Einnahmeverlusten gilt offenbar selbst in der Perspektive liberaler Ökonomen als politisch nicht mehr vermittelbar. Das ist tatsächlich eine andere Standortdebatte als sie noch vor fünfzehn Jahren ein Hans-Werner Sinn als der Vorgänger von Fuest an der Spitze des Ifo-Instituts geführt hatte.

          Alles Psychologie

          Psychologie war ein gutes Stichwort. Es hatte gestern Abend eine ökonomische und eine politische Seite: In der Ökonomie geht es um Zukunftserwartungen. Unternehmen und Verbraucher reagieren auf zunehmende Unsicherheit mit Ausgabenkürzungen. Das betrifft Investitionen und Konsumentscheidungen. Es besteht dann die Gefahr einer Abwärtsspirale. Die hohe Exportabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft relativiert zwar ein solches Szenario, ist aber bei weltwirtschaftlichen Turbulenzen zugleich ihre Achillesferse. Hier genügen der Brexit und die Handelskonflikte mit den Vereinigten Staaten als Stichworte.

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