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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Kommt der Crash?

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutierte in ihrer Sendung am 28. November 2019 mit ihren Gästen zum Thema „Zinsen im Keller, Vorsorge in Gefahr – wann lohnt sich sparen wieder?“ Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Bei „Maybrit Illner“ hatte man den Eindruck, diese Frage könnte etwas peinlich sein. Dennoch ist sie berechtigt. Aber was genau bedeutet ein solcher Crash überhaupt? Und wer druckt eigentlich das ganze Geld, von dem immer die Rede ist?

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          Man stelle sich eine Talkshow im Jahr 2005 vor. Thema wären die Finanzmärkte gewesen. Zweifellos wären alle Skeptiker als Crash-Propheten von den berufenen Experten verlacht worden, wenn sie auf die Risiken in den amerikanischen Immobilienmärkten und die darauf beruhenden Anleihekonstruktionen hingewiesen hätten. Schließlich hatten die besten Mathematiker der Welt in den Ratingagenturen schlüssig bewiesen, dass diese so sicher sind wie deutsche Staatsanleihen. Entsprechend waren es nur ökonomische Außenseiter, die eine solche Skepsis offen artikulierten. In den Vereinigten Staaten etwa Nouriel Roubini und in Deutschland Max Otte. Den Ausgang kennen die Zuschauer: Die Experten wurden drei Jähre später mit dem Zusammenbruch des Finanzkapitalismus blamiert.

          Gestern Abend wagte Maybrit Illner den Tanz auf diesem glatten Parkett. Sie hatte mit Marc Friedrich einen Bestsellerautor eingeladen, der zusammen mit seinem Co-Autor Matthias Weik den „größten Crash aller Zeiten“ prognostiziert. Weil das Thema scheinbar allen peinlich ist – wie das Reden über das eigene Geld und sexuelle Vorlieben – rückte es ans Ende der Sendung. In den letzten zehn Minuten kamen die Gäste immerhin doch zur Sache, wodurch die vorherigen fünfzig Minuten wie ein Vorspiel wirkten.

          Allerdings ohne Wein und romantische Musik, bei denen sich beide Beteiligten über alles Mögliche unterhalten – um trotzdem nur an das Eine zu denken. Nach dem Akt liegen sie dann ermattet in den Federn. Das könnte einigen hier auch passiert sein: Zuschauern ohne ökonomische Vorbildung müssen die Ohren geklungen haben, während sie sich diesen Parforce-Ritt durch fast alle Probleme des gegenwärtigen Kapitalismus angehört haben.

          Sparschwemme oder Hyperinflation?

          Das Problem von Friedrich war nicht seine Annahme eines Crashs, die es schon immer gab, sondern seine unklare Adressierung der Ursachen. Das unterscheidet ihn von Roubini oder Otte im Jahr 2005. Er bezieht sich allein auf eine Gelddruckmaschine namens EZB. Die hat aber kein Geld gedruckt, ansonsten wäre ihr verzweifelter Kampf für positive Inflationserwartungen nicht vergeblich gewesen. Diese erfüllten sie nicht, weil die geldpolitischen Maßnahmen der EZB in der Realwirtschaft nicht ankommen.

          Geldpolitik könne kein Wirtschaftswachstum schaffen, so Sahra Wagenknecht, frühere Spitzenpolitikerin der Linken. Anders formuliert: Die EZB versucht geldpolitische Locken auf einer wirtschaftspolitischen Glatze zu drehen. Friedrich kann nicht den Transformationsmechanismus der Geldpolitik in die Realwirtschaft deutlich machen, also wie aus der besagten Glatze wieder eine Löwenmähne wird. Nur damit bekäme aber seine These einer drohenden Hyperinflation eine gewisse Plausibilität. Hier wäre ein ausgewiesener Experte wie Marcel Fratzscher gefragt gewesen: Den Zuschauern zu erläutern, was unter Geldpolitik und dem ominösen „Geld drucken“ überhaupt zu verstehen ist.

          Stattdessen versuchte der Präsident eines der wichtigsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute lediglich mit mokantem Lächeln, der Crash-These die wissenschaftlichen Grundlagen abzusprechen. Dabei hatte Fratzscher vorher einen guten Hinweis gegeben: Wir hätten „eine Sparschwemme.“ Die niedrigen Zinsen sind deren Folge, was allerdings nicht automatisch zu höheren Investitionen führt.

          Keine Ersparnisse zum Anlegen

          Unter anderem deswegen wird mittlerweile von fast allen Ökonomen die „schwarze Null“ als heiliger Gral deutscher Fiskalpolitik kritisiert. An diesem Punkt scheiterte Friedrich, wenn er die Hyperinflation in Zimbabwe als ein mögliches Szenario für die Eurozone skizzierte. Das ist keine Ökonomie mit den höchsten Leistungsbilanzüberschüssen der Welt. Sie leiden nicht an einer Sparschwemme, vielmehr an fehlenden Ersparnissen. Deshalb versucht der Staat, seine Zahlungsverpflichtungen durch das Geld drucken sicherzustellen. Daraus resultiert ein Vertrauensverlust, der den Zerfall der Währung weiter beschleunigt.

          Das ist weder in Deutschland, noch in der Eurozone zu erwarten. Das aktuelle Niedrigzinsniveau ist auch nicht historisch einmalig, worauf unter anderem Dorothea Mohn vom Bundesverband Verbraucherverbände hinwies. Das merken die Kunden allerdings nicht, wenn sie früher ihre nominalen Zinsen auf ihre Sparanlagen nicht mit der Inflationsrate in Beziehung setzten. Das Sparbuch war immer schon ein schlechte Geldanlage, wie es Fratzscher formulierte. Nur hatte es für die meisten Durchschnittsverdiener auch in erster Linie eine Wertaufbewahrungsfunktion, wo Renditeerwartungen eine sekundäre Rolle spielten. Erst ab den 1980er Jahren meinten manche Finanzexperten das ändern zu müssen, um die Kunden in andere Anlageformen zu drängen.

          Wie sehr dieses Denken immer noch die Politik bestimmt, wurde gestern Abend deutlich. So versuchte der Thüringer CDU-Vorsitzende Mike Mohring den Vorschlag seiner Partei zu einer verbindlichen privaten Altersvorsorge zu erläutern. Dafür musste er einige Klippen umschiffen. Vierzig Prozent der Deutschen fehle es an den Voraussetzungen für diese Vorsorge, so Fratzscher: Sie hätten schlicht keine Ersparnisse, um sie anzulegen.

          „Strukturelle Unsicherheit“

          Andererseits könnte man aber gegen einen solchen staatlich verwalteten Pensionsfonds gewisse ordnungspolitische Bedenken geltend machen. Leider kamen die nicht zur Sprache. Selbst wenn dieser Pensionsfonds jährlich nur ein Prozent der gesamten deutschen Lohn- und Gehaltssumme investieren müsste, käme er pro Jahr auf Kapitalzuflüsse in zweistelliger Milliardenhöhe. Das kann man ignorieren, keine Frage. Nur soll er zugleich noch als eierlegende Wollmichsau konzipiert werden. Kurz gesagt: Hohe Rendite, ohne Risiko und mit minimalen  Verwaltungskosten.

          Leider gibt es im Finanzkapitalismus keine Anlageformen mit hoher Rendite und minimalen Risiko. Wie sehr dieses Denken aber bis heute die Perspektive bestimmt, wurde an Frau Mohn deutlich. Sie meinte ernsthaft als Verbraucherzentrale Bundesverband einen Weg gefunden zu haben, wo das angelegte Kapital „verdoppelt und verdreifacht“ werden könnte.

          Hier war ein Hinweis von Frau Wagenknecht sinnvoll: Wenn sich der Staat sowieso darum kümmere, könne er das auch über das Umlageverfahren in der Rentenversicherung machen. Sie erwähnte die „strukturelle Unsicherheit“, die aber scheinbar die Experten des Bundesverbandes Verbraucherzentrale abgeschafft haben. Warum diese nicht in das Investmentbanking wechseln, ist ein Rätsel. Frau Wagenknecht waren dafür die populären Versatzstücke einer weltfremden Kapitalismuskritik nicht fremd. So geißelte sie das Gewinnstreben unserer Banken, als wenn diese noch im Jahr 2005 lebten.

          Crash oder Konsolidierung?

          Allerdings zeichneten sich diese schon damals durch ihre einzigartige Begabung aus, sich den von Mathematikern der Wallstreet als mündelsicher bewerteten Kreditmüll andrehen zu lassen. Mittlerweile haben sie längst ein Problem mit ihrer fehlenden Rentabilität. Das betrifft nicht nur die Sparkassen und Volksbanken, worauf Mohring hinwies. In Deutschland sind auch die früheren Global Player namens Deutsche Bank und Commerzbank zu den Fußkranken des globalen Finanzkapitalismus geworden. Sie suchen ein Geschäftsmodell, paradoxerweise in dem Land mit den höchsten Leistungsbilanzüberschüssen der Welt.

          Tatsächlich bedroht die Niedrigzinspolitik unser Finanzsystem, wie Friedrich deutlich machte. Nur nannte er nicht die Gründe, weil er sich unter Umständen zu viel mit Zimbabwe beschäftigt hat.  Versicherungen und Banken sind nämlich Zahlungsverpflichtungen eingegangen, die sie aber nur unter einer Bedingung erfüllen können: Wenn sie in Zukunft mit der wichtigsten Anlageform namens Staatsanleihen wieder Geld verdienen können.

          Ansonsten droht hier ein veritabler Crash, was man aber auch netter formulieren kann. So sprach Fratzscher lieber von „Konsolidierung“ im Finanzsektor. Um unsere Ersparnisse zu investieren, nannte er den Klimaschutz und die Digitalisierung. Das hört sich auf jeden Fall besser an als Pyramiden zu bauen, wie es vor fast hundert Jahren ein nicht ganz unbedeutender Ökonom namens John Maynard Keynes einmal scherzhaft vorschlug.

          Neue Sachwerte

          Jenseits dessen zeigte dieser Abend, was die deutsche Debatte in Wirklichkeit bestimmt: Es ist die Unfähigkeit, Investitionen im Kapitalismus als ein Geschäft mit Risiken zu betrachten. Diese will niemand mehr eingehen. Wen erstaunt das aber in einer Gesellschaft, die mittlerweile vor allem Angst hat, sogar vor Autos und dem Wetterbericht? So sanken die Zuschauer nach diesem Parforce-Ritt durch die Tücken des Kapitalismus bestimmt ermattet in ihre Federn. Ob sie noch die Muße für Wein und romantische Musik fanden, um an etwas anderes zu denken, ist zu bezweifeln. Dafür dauerte das Vorspiel einfach zu lange. Wer sich aber für die gestern Abend angesprochenen Sachwerte interessieren sollte: Wie wäre es mit einem neuen Bett?   

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