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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Kommt der Crash?

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Wie sehr dieses Denken immer noch die Politik bestimmt, wurde gestern Abend deutlich. So versuchte der Thüringer CDU-Vorsitzende Mike Mohring den Vorschlag seiner Partei zu einer verbindlichen privaten Altersvorsorge zu erläutern. Dafür musste er einige Klippen umschiffen. Vierzig Prozent der Deutschen fehle es an den Voraussetzungen für diese Vorsorge, so Fratzscher: Sie hätten schlicht keine Ersparnisse, um sie anzulegen.

„Strukturelle Unsicherheit“

Andererseits könnte man aber gegen einen solchen staatlich verwalteten Pensionsfonds gewisse ordnungspolitische Bedenken geltend machen. Leider kamen die nicht zur Sprache. Selbst wenn dieser Pensionsfonds jährlich nur ein Prozent der gesamten deutschen Lohn- und Gehaltssumme investieren müsste, käme er pro Jahr auf Kapitalzuflüsse in zweistelliger Milliardenhöhe. Das kann man ignorieren, keine Frage. Nur soll er zugleich noch als eierlegende Wollmichsau konzipiert werden. Kurz gesagt: Hohe Rendite, ohne Risiko und mit minimalen  Verwaltungskosten.

Leider gibt es im Finanzkapitalismus keine Anlageformen mit hoher Rendite und minimalen Risiko. Wie sehr dieses Denken aber bis heute die Perspektive bestimmt, wurde an Frau Mohn deutlich. Sie meinte ernsthaft als Verbraucherzentrale Bundesverband einen Weg gefunden zu haben, wo das angelegte Kapital „verdoppelt und verdreifacht“ werden könnte.

Hier war ein Hinweis von Frau Wagenknecht sinnvoll: Wenn sich der Staat sowieso darum kümmere, könne er das auch über das Umlageverfahren in der Rentenversicherung machen. Sie erwähnte die „strukturelle Unsicherheit“, die aber scheinbar die Experten des Bundesverbandes Verbraucherzentrale abgeschafft haben. Warum diese nicht in das Investmentbanking wechseln, ist ein Rätsel. Frau Wagenknecht waren dafür die populären Versatzstücke einer weltfremden Kapitalismuskritik nicht fremd. So geißelte sie das Gewinnstreben unserer Banken, als wenn diese noch im Jahr 2005 lebten.

Crash oder Konsolidierung?

Allerdings zeichneten sich diese schon damals durch ihre einzigartige Begabung aus, sich den von Mathematikern der Wallstreet als mündelsicher bewerteten Kreditmüll andrehen zu lassen. Mittlerweile haben sie längst ein Problem mit ihrer fehlenden Rentabilität. Das betrifft nicht nur die Sparkassen und Volksbanken, worauf Mohring hinwies. In Deutschland sind auch die früheren Global Player namens Deutsche Bank und Commerzbank zu den Fußkranken des globalen Finanzkapitalismus geworden. Sie suchen ein Geschäftsmodell, paradoxerweise in dem Land mit den höchsten Leistungsbilanzüberschüssen der Welt.

Tatsächlich bedroht die Niedrigzinspolitik unser Finanzsystem, wie Friedrich deutlich machte. Nur nannte er nicht die Gründe, weil er sich unter Umständen zu viel mit Zimbabwe beschäftigt hat.  Versicherungen und Banken sind nämlich Zahlungsverpflichtungen eingegangen, die sie aber nur unter einer Bedingung erfüllen können: Wenn sie in Zukunft mit der wichtigsten Anlageform namens Staatsanleihen wieder Geld verdienen können.

Ansonsten droht hier ein veritabler Crash, was man aber auch netter formulieren kann. So sprach Fratzscher lieber von „Konsolidierung“ im Finanzsektor. Um unsere Ersparnisse zu investieren, nannte er den Klimaschutz und die Digitalisierung. Das hört sich auf jeden Fall besser an als Pyramiden zu bauen, wie es vor fast hundert Jahren ein nicht ganz unbedeutender Ökonom namens John Maynard Keynes einmal scherzhaft vorschlug.

Neue Sachwerte

Jenseits dessen zeigte dieser Abend, was die deutsche Debatte in Wirklichkeit bestimmt: Es ist die Unfähigkeit, Investitionen im Kapitalismus als ein Geschäft mit Risiken zu betrachten. Diese will niemand mehr eingehen. Wen erstaunt das aber in einer Gesellschaft, die mittlerweile vor allem Angst hat, sogar vor Autos und dem Wetterbericht? So sanken die Zuschauer nach diesem Parforce-Ritt durch die Tücken des Kapitalismus bestimmt ermattet in ihre Federn. Ob sie noch die Muße für Wein und romantische Musik fanden, um an etwas anderes zu denken, ist zu bezweifeln. Dafür dauerte das Vorspiel einfach zu lange. Wer sich aber für die gestern Abend angesprochenen Sachwerte interessieren sollte: Wie wäre es mit einem neuen Bett?   

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